Getrennte_Betten

Im Trend: das zweite Schlafzimmer

Die Bettdecke, die der andere hartnäckig an sich zieht. Das nervige Nachttisch-Licht, wenn er partout noch lesen will. Ihre eiskalten Füße, die sie unbefangen an seinen wärmt. Sein zufriedenes Schnarchen, ihrer beider Atem am Morgen, und gewisse Winde, die im Schlaf nicht unter Kontrolle bleiben. Und die merkwürdigen Momente, wenn man nach einem Streit doch wieder nebeneinander Ruhe finden soll. Ja: Zu Zweit in einem Bett kann manchmal quälend sein.

Statt selig in Morpheus’ Armen zu liegen, wünscht man sich nicht selten, dem „Feind“ im eigenen Bett zu entkommen. Ganz egal, ob der Traum von der alles teilenden, ewig lodernden Liebe schon von der Eherealität eingeholt wurde oder nicht.

Studien zufolge kämpfen 65 Prozent aller Frauen mit Schlafstörungen, ganze zwei Jahre Schlaf versäumen laut einer britischen Umfrage Frauen, die 24 Jahre lang jede Nacht neben ihrem schnarchenden Partner unter dem selben Plumeau ausharren. Und ausTorontos Universitäts-Fakultäten wird vermeldet, dass Menschen, die zu Zweit im selben Bett schlafen, nie in völligen Tiefschlaf fallen, da ihre Gehirne stets die Bewegungen des anderen registrieren.

Ein Bett für Zwei – die zärtliche Kriegsfront

Der Pariser Soziologe Jean-Claude Kaufmann, erprobter Feldforscher für verqueres Paarungsverhalten, hat in seinem neuen Buch („Un lit pour deux“, zu Deutsch: Ein Bett für Zwei) die Malaise im Ehebett seziert. Schließlich hat der renommierte Autor schon erfolgreich den Abwasch, die Schmutzwäsche, das Geheimnis der Handtasche und die erste Liebesnacht von Paaren (Amazon-Links) zu unterhaltsamen Objekten seiner mikrophänomenologischen Betrachtungen gemacht.

Nun erklärt Kaufmann das gemeinsame Schlafzimmer zur „zärtlichen Kriegsfront“ und stellt fest: Das Paar von heute ist kompliziert. „Es will alles und das Gegenteil. Es will die Nähe und den Rückzugsort.“ Rund 200 Beziehungs-Bekenntnisse hat der Franzose zerpflückt. Sein Befund: Es bleibt gerade bei der jüngeren Generation noch ein großes Tabu zu gestehen, wenn man in getrennten Zimmern nächtigt. Während die über 50-Jährigen nach dreißigjähriger Schlafmisere und Paarerfahrung eher dazu stehen, nachts endlich vor allem Schlafen zu wollen, fürchten die Jüngeren, Freunde und Familie könnten ihnen ein tiefgreifendes Paarproblem unterstellen. Als schicker gilt es, in zwei Wohnungen zu leben, als das gemeinsame Bett zu verlassen.

Dabei, so ermuntert Kaufmann alle Liebenden, ist das Doppelbett ohnehin eine eher moderne Sache. Bis ins späte 19. Jahrhundert bot der Wohnraum häufig nur ein einziges Zimmer, in der die gesamte Familie übernachtete. Lediglich den Königen sowie dem restlichen betuchten Adel war es möglich, Gemahlinnen und Mätressen ausgewählt im eigenen Nacht-Séparée zu empfangen.

Das Bett und ein Schlafzimmer sind schließlich mehr als nur eine Schlafstatt für einige Stunden. Das Bett ist auch ein Rückzugsort, der Raum für das Private und Eigene. Der sollte auch in einer Beziehung möglich und erlaubt sein. Oder sogar willkommen: Wer sich nicht eingeengt fühlt, bewegt sich logischer Weise freier. Unbeschwerter.

Paare von heute, hat Kaufmann konstatiert, halten es in Sachen Schlafstatt-Entscheidung mit teilweise possierlichen Kompromissen. Da gibt es zum Beispiel die zwei, die sich geeinigt haben, drei Nächte getrennt und vier Nächte im selben Raum zu schlafen. Oder das Seniorenpaar, das die Formel fand: Alle 15 Jahre wird eine um 20 Zentimeter breitere Matratze gekauft. Inzwischen betten sich die beiden Rentner auf zwei Metern Breite und genießen einen ganz neuen Liebeskomfort.

Dass das Getrenntschlafen die erotische Liebe beflügeln kann, ist sich Wissenschaftler Kaufmann ganz sicher – und bestätigt mit seiner Sicht einen Trend. Prominente wie Thomas Gottschalk oder Diane von Fürstenberg schwärmen längst von getrennten Betten und aufregenden, nächtlichen Besuchen beim Partner. Einer „New York Times“-Umfrage zufolge werden 2015 60 Prozent aller neu gebauter Häuser zwei „Master Bedrooms“ haben – auch wenn manches Paar dem Architekten noch verschämt etwas vom zweiten Gästezimmer erzählt.

Eine Scheu, die Jean-Claude Kaufmann amüsiert. Er hat nämlich schon wieder den nächsten Beleg ausgemacht, dass Liebende heutzutage nach allzuviel Intimität gern nach Solo-Momenten streben: „Immer mehr Paare frühstücken morgens am liebsten getrennt.“

 

 

 

 

 




Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Mehr von diesem Autor

Möchtest Du uns lieben …

… und ehren, in guten wie in besseren Tagen?

Sag Ja zum Ginger Newsletter!

(natürlich geben wir deine Daten niemals an Dritte weiter)
Diese Einladung bitte nicht mehr anzeigen.
0