Yoga_Indien

Ist das noch Gymnastik? Oder schon Yoga?

Was ist eigentlich Yoga? Eine weder neue noch überraschende Frage angesichts der wachsenden Popularität der aus Indien stammenden Praktiken.

Häufig soll die Antwort darauf lediglich klären, welche „Art“ des Yoga die angemessene/richtige/bessere/wahrhaftigere/etc. sei. Oft aber wird man als Yogaschüler oder -lehrer auch gefragt: Ist das westliche eigentlich „noch“ echtes Yoga? Diese Frage bezieht sich eher diffus und ungetrübt von tieferer Kenntnis  auf die Ursprünge des Yoga.

Leider gibt es auf keine dieser Fragen eine simple Antwort. Denn Yoga ist nichts, was festgeschrieben wäre. Sondern ganz besonders hinsichtlich der Asana-Praxis ein System, das in den vergangenen 100 bis 150 Jahren einen starken interkulturellen Austausch und Wandel erfahren hat. Zum Thema gibt es meterweise Bücher, jede Menge Forschung und allüberall miteinander konkurrierende, ja rivalisierende Aussagen (Ego-Alarm!).

So meldet sich das aufstrebende Indien aktuell mit einer ganz speziellen Yoga-Sorge. Die um das Copyright.

Sein Name: Shripad Yesso Naik. Seine Mission: Aus Indien und Yoga eine assoziative Einheit zu machen wie … USA und Burger, Island und Björk, Frankreich und Champagner, Dänemark und Smörrebröd. Neue Frage: Herr Naik hat hoffentlich noch etwas anderes zu tun?

Shripad Yesso Naik ist Minister im Kabinett des aktuellen indischen Premierministers Narendra Modi: ein Hindu, Nationalist und hingebungsvoller Yogi. Die beiden Politiker wollen mit ihrem Vorstoß weit mehr als nur eine Herkunftsdeutung oder -hoheit erreichen. Sie möchten eine Art Gebietsschutz für den Begriff Yoga. Die 100 West-Varianten, die weitaus meisten eher Asana- als spirituell getrieben, würden damit das Recht verlieren, ihre Bewegungs- und sonstigen Techniken mit dem Wort Yoga zu verknüpfen.

In Indien ist Yoga wenig populär

Eine „Méthode champenoise“ des Yoga wäre nämlich die Konsequenz. Viele Yogastile müssten umbenannt werden. Zum Beispiel in „Anusara-Mobilisierung nach der Idee des Yoga“. Oder „Power-Gymnastik nach den yogischen Prinzipien“. Oder vielleicht „Die hinduistisch inspirierte Jivamukti-Erlöserschule“.Um das Offensichtliche auszusprechen: Dass Shripad Yesso Naik und Premierminister Modi mit ihrer Idee durchkommen, ist wenig wahrscheinlich.

Selbst in ihrer eigenen Nation ist der Stellenwert von Yoga viel zu niedrig. In der naiven Vorstellung vieler Westwelt-Bewohner „macht“ „der Inder“ Yoga. Macht er nicht. Im Gegenteil. Über weite Strecken der indischen Vergangenheit war Yoga im vermeintlichen Ursprungsland geradezu verpönt. Vor allem zu Zeiten der Kolonialherrschaft durch die Briten galt Yoga als rückständig und anrüchig. Fakire und Asketen präsentierten in effekthascherischen Darbietungen groteske Selbstverstümmelungen und Verbiegungen, Ergebnis einer intensiven Körperschulung. Sie waren als aggressive Bettler im Volk alles andere als gut angesehen, ihre radikale Praxis galt als unattraktiv und wenig nachahmenswert.

Über die Kolonialisierung und eine zusehende Verschränkung der Kulturen fanden Berichte und Bilder solcher Vorführungen sowie erste Vertreter der philosophischen Schulen ihren Weg in die Länder des Westens; vor allem in die USA. Hier treibt der Yoga-Boom erst seit gut 25 Jahren bunte Blüten. Die Asana-Welle nahm im Zuge der Fitness-Begeisterung Anlauf, schwappte durch das Land und in weitere Staaten der westlichen Welt. Heute konkurrieren hier dutzende unterschiedliche Varianten miteinander.

Der Westen – die Wiege des Hatha Yoga?

Dennoch assoziiert die ganze Welt Yoga mit dem indischen Subkontinent. Die Amerikaner als Weltführer in Sachen Selbstvermarktung haben manchen „neuen“ Yoga-Stil der letzten 10, 15 Jahre erdacht und weiter verbreitet. Dennoch würde kaum jemand den Westen zur Wiege des Yoga umdeuten.

Oder doch?

Der Anthropologe Peter van der Veer sieht in unserer Idee vom Yoga als „Nebenprodukt“ „typisch indischer“, ergo: Hindu-Spiritualität das Resultat einer verzerrten und verklärten Geschichtsschreibung. Der Wandermönch Swami Vivekananda aus Kalkutta habe auf einer Vortragstour durch die USA des ausgehenden 19. Jahrhunderts eine schöngefärbte Spiritualitäts-Zeichnung seiner Hindu-Religion verbreitet, die zwar nicht korrekt war, aber zur rechten Zeit am rechten Ort. Das okzidentale Publikum lechzte nach neuen Glaubens-Impulsen. Und Vivekananda gab seinen Zuhörern, was sie hören wollten. Kredenzte ihnen seine Version von Indien und dem Hinduismus als Quelle der reinen Spiritualität inklusive läuterndem Yoga. Das große Versprechen sei Erlösung ohne Erlöser gewesen, „ein anderer Mensch zu werden durch Experimente mit dem Leib“, schrieb 2013 „Der Spiegel“ über die Veröffentlichungen van der Veers.

Van der Veer wie auch der britische Yogalehrer und Religionswissenschaftler Marc Singleton in seinem extrem empfehlenswerten Buch „Yoga Body – The Origins of Modern Posture Practice“ datieren das Hatha Yoga unserer 2015er-Vorstellung – eine weitgehend physische Praxis, nach Belieben garniert von Weltanschauungs-Schnippseln, zwei, drei Atemübungen und etwas Sanskrit-Singsang vor Räucherstäbchen-Kulisse – gerade einmal 100 Jahre zurück. Und zwar quasi als Re-Import nach Indien.  Europäische Kampfkunst-Turner und Bodybuilder des frühen 20. Jahrhundert demonstrierten dort ihre muskelkräftigenden Dehnungsübungen – darunter Positionen und Übungen unter anderem der skandinavischen „Primitive Gymnastik“. Die athletischen Körper und Künste sprachen eine aufstrebende indische Ober- und Mittelschicht an und wurden als Yoga für die Massenweitflächig verbreitet von unter anderem Swami Kuvalayananda oder Shri Yogendra. Ihre Institute sowie die indischen YMCA-Häuser spielten eine wichtige Rolle in der Geschichtschreibung des modernen Hatha Yoga.

Die – so überhaupt bekannt – von den meisten westlichen Studios und Yogalehrerausbildungen nicht unbedingt favorisiert wird. Für diese Gruppe gehören so schwer zugängliche Yoga-Werke wie„Baghavad Gita“, die vedischen Schriften, die „Hatha Yoga Prodipika“, Patanjalis Yoga-Sutras zur Basis-Leseliste.

In denen ist allerdings kaum von Yoga als physische Übung oder von Asanas die Rede. Sondern eher von Pranayama (der Ausbreitung von Energie durch kontrollierten Atem), Dharana (mentaler Fokus) und Nada (meditatives Musizieren). Gesundheit und Fitness gehörten nie zu den vordringlichen Zielen der jeweiligen Autoren. Dennoch lehren die neuen Lehrer später vornehmlich eines – nämlich yogische Gymnastik. Bis hin zu eindeutigen.Angeboten. Werbende Slogans wie „no om, no mantra“ sollen auch diejenigen Bewegungsbegeisterten anzusprechen, denen Spiritualität völlig unwichtig ist.

Wenn wir diesen Anteil am Yoga heute als maßgeblich empfinden – und die gängige Praxis lässt daran keinen Zweifel –, dann ist das moderne Yoga durchaus auch ein Produkt des Westens. Zusammengekocht als Fusion-Philosophie mit Zutaten aus Dänemark, Deutschland (Turnvater Jahn lässt grüßen), Indien und den USA.

Aber die Hauptsache, Mr. Modi und Mr. Naik, ist doch, dass es uns allen hervorragend bekommt. Oder wie seht ihr das?




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