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Wenn zu viel Romantik die „Liebe“ erdrückt         

Wer mit Yoga, Meditation, Selbstreflektion und bewusstem Leben die Vereinigung mit dem Göttlichen anstrebt, den mag die Vorstellung quälen, dass der aktuelle Lebenspartner möglicherweise kein „Auserwählter“ ist.

Der vielleicht nicht denselben Weg des inneren Wachstums wählt, sondern trotzig seinen Stammtischabend beibehält. Der Paleo für eine Pferderasse hält und über veganes Körperöl ungläubig den Kopf schüttelt. Der eben nicht der „Soul Mate“, der Seeelenverwndte ist, den man in seinen romantischen Sehnsuchtsträumen an seine Seite phantasiert hatte.

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Die Liebe. Sie soll so vieles sein und leisten. Der Partner, den wir zuerst attraktiv finden, weil er so eigen, besonders und anders ist als wir selbst, soll plötzlich so werden, wie wir ihn zu brauchen glauben. Soll besser werden als sein erster Eindruck. Soll dabei hellseherisch unsere geheimsten Wünsche und Bedürfnisse kennen und erfüllen. Soll emotionale Löcher stopfen, die unsere Sozialisierung gerissen hat. Soll heilen, was wir selbst vermeintlich nicht zu heilen wissen. So heben wir die kompliziertesten Jobs auf die fragilen Schultern der Liebe. Und wundern uns, wenn sie unter dieser Belastung zusammen bricht.

Die Liebe, soviel ist sicher, war immer Teil der gesellschaftlichen Ordnung, des Zusammenlebens, jedoch stets im Kontext ihrer Zeit und Phänomene. Liebesbeziehungen sind so alt wie die Menschheit. Aber die Verbindung von Liebe und Ehe, die für viele Gesellschaftsformen des 20. und 21. Jahrhunderts die gottgegebene Ordnung zu sein scheint, ist blutjung. Und entsprechend unreif.

Im 18. und 19 Jahrhundert beeinflussten die Ideen der Romantik die Vorstellungen des Biedermeier-Bürgertums dahingehend, dass eine Liebesheirat (im Unterschied zur zweckgemeinschaftlichen Vernunftsehe: Geselle heiratet Meisters Tochter etc. pp.) der neue Beziehungs-Standard sein sollte. Mätressentum, offene Hurerei und sonstige mehr oder weniger von Trieb geprägten Zusammenführungen von Mann und Frau wurden ab sofort als unschicklich und ungehörig gebrandmarkt und in den Tabu-Untergrund verdrängt. Der von Staat und Kirche geförderte Stand der Ehe dagegen geriet zur lebenslangen Herausforderung – und der Satz „Eine Ehe ist harte Arbeit“ das sie begleitende Mantra.

Die Romantiker haben so einiges angerichtet

Die mithilfe von Poesie, Prosa und Malerei überstilisierten Liebesideale der Romantiker hatten Konsequenzen. Zuerst ein schmerzliches Aushalten nebeneinander. Später, als die Gesellschaften freier wurden, eine munter ansteigende Scheidungsrate. Patchwork-Familien als Ausdruck stetiger Neu-Ordnung dieser Liebe sind längst ein Wikipedia-Eintrag. Aber die Erklärung für das Scheitern finden wir interessanter Weise weniger in dieser der menschlichen Natur vielleicht gar nicht entsprechenden, also künstlichen Form der Beziehung. Sondern Schuld hat der vermeintlich (noch) falsche Partner. Wenn wir ihn nicht zu dem verwandeln können, was unsere Vorstellung von Liebe ihm abverlangt, tauschen wir ihn eben gegen einen anderen ein, einen nächsten. Möge der das Unlösbare besser lösen.

Der Mensch wäre nicht durch sein Streben nach Optimierung definiert, wenn er an eben dieser Stelle nicht auch schon einen vermeintlichen Super-Ausweg gefunden hätte. Liebe bleibt zwar das hehre Ideal, aber jetzt und ganz neu kann es eben nur noch der Seelenverwandte einlösen. Darunter geht es in gewissen Kreisen nicht mehr. Dabei ist die Liebe so kompliziert wie vielschichtig und facettenreich – und Seelenverwandte müssen dabei nicht unbedingt a) zu finden sein noch sind sie b) dann umgehend auch der passende Partner für eine Liebesbeziehung. Mancher bleibt daher auf seiner utopischen Suche allein.

Etwas wirklich Neues und Schlaues zur Liebe zu sagen, ist fast unmöglich. Sonst hätte die Menschheit nicht bereits Milliarden von Sätzen dazu produziert. In Romanen, in Drehbüchern, in Werbeslogans, in Studien von Verhaltens- bis Hormonforschung, in Frauenmagazinen, ja selbst in Pornofilmen ist „Liebe“ Thema. Bibliotheken an Ratgebern und Romanzen, hunderttausende Schnulzengesänge und Trivialitäten rund um die wichtigste Triebfeder unseres geschlechtlichen Verhaltens haben in den letzten 200 Jahren ein absurd überhöhtes Zerrbild von Liebe erzeugt, an dem gemessen die Realität einfach nur enttäuschend ausfallen kann.

Nun erobern wir also das nächste Anspruchsniveau: die Seelenverwandtschaft. Und vielleicht liegt hier wirklich die Antwort – nur sehen die meisten dabei den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Der nächste Seelenverwandte ist jeder sich selbst

Ich kann nur lieben und Liebe empfangen, wenn ich mich selber liebe. Hat ein gesundes Selbstwertgefühl meine emotionalen Löcher einigermaßen ausgefüllt und halbwegs geglättet, kann man ein Gegenüber so annehmen, sein lassen und als perfektes Wesen bewundern, wie er oder sie es verdient. Sobald der Partner nicht mehr die „Ganzheit“ herstellen muss, die ein vermeintlich „halber Mensch“ nur durch die Vereinigung mit einem zweiten erlangt, ist die Beziehung von verzerrenden Projektionen befreit. Die Liebe mag auch dann noch manchmal harte Arbeit sein; aber sie ist zumindest von einem großen Teil Überlastung befreit.

Ich würde sagen: Take it easy.

Passende Worte von Robert Fulghum: “We’re all a little weird. And life is a little weird. And when we find someone whose weirdness is compatible with ours, we join up with them and fall into mutually satisfying weirdness — and call it love — true love.”




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