Ersatzreligion_Ernährung

Ernährung als Religion? Nein Danke.

Der Körper ist dein Tempel. Du bist, was Du isst! Yogaübende und -lehrer – aber bei weitem nicht nur sie – befolgen gern Gebote wie diese. Manche gehen so weit, sie zu predigen.

Weil Ahimsa (Gewaltfreiheit) eine der wichtigsten Prinzipien im Hinduismus ist, sollen Yoga-Übende auch kein Fleisch verzehren dürfen. An dieser Auslegung alter Yoga-Schriften ist per se nicht verkehrt. Oder per se richtig. Was dem einen schmeckt, muss der andere nicht essen. Und umgekehrt. Mir persönlich wäre es lieb, man würde allgemein auf das ständige Bewerten verzichten und grundsätzlich Offenheit und individuelle Weiterentwicklung lehren. So, wie es für mich zum Yoga gehört.

Yoga kennt keinen Tempel, sagte Indra Devi, Meisterschülerin von Sri T. Krishnamacharya. Und Yogi Manmoyanand hinterfragt die für Yogis angeblich nötige Abkehr vom Fleischverzehr mit einem Hinweis auf die Zähne und den Verdauungstrakt des Menschen. Beide seien definitiv zum Verzehr von Fleisch angelegt. Manmoyanand zitiert in seinem Buch „Sivananda Buried Yoga“ die vedischen Schriften: „Für die Entwicklung und Versorgung des Körpers ist kein Nahrungsmittel besser geeignet als Fleisch.“ Einer Ayurveda-Schrift, der Bhava Prakash zufolge sei „Fleisch eines frisch getöteten Tieres wie Amrit“ (die ultimative Leben spendende Flüssigkeit, die das Göttliche erhält).

Ich kenne Yogis, die Fleisch essen. Bio-Fleisch. Aber sie essen’s.

Wie in allem, was der Mensch in seiner langen Geschichte so dachte und denkt, verkündete und verkünden lässt, sind auch diese Hinweise zur Ernährung lediglich persönliche Ansichten und Meinungen. Die eine so berechtigt und valide wie die andere – oder eben nicht. Nur: Eine Wahrheit für alle kann es nicht geben.

Ich halte es auch an dieser Stelle mit dem Philosophen Jiddu Krishnamurti, der sagte: „Das Ego kann einen edlen Zweck wählen und ihn als Mittel seiner eigenen Ausdehnung benutzen.“ Der edle Zweck könnte im Vegetarismus oder Veganismus die bewusste Abkehr von einer Ernährung sein, die ein völlig aus der Balance geratenes Verhältnis zu unseren sogenannten Nutztieren widerspiegelt. Damit ist alles absolut in Ordnung.

Niemand mit Zugang zu den gängigen Informationsquellen kann entgangen sein, dass unser Fleisch und Gemüse nicht vom glücklichen Bauernhof stammen, wo man den Tieren und den Pflanzen Respekt entgegengebracht hätte. Und die individuelle Abkehr von Industrie-Nahrungsmitteln ist ein konsequenter und nachvollziehbarer Schritt. Daraus aber ein Dogma, eine Religion machen zu wollen, hat nichts mit ganzheitlicher Philosophie zu tun. Sondern eher mit ziemlich kleinen Karos und Bevormundung.

Und es geht mir auch gar nicht um Fleisch oder nicht Fleisch. Sondern ausschließlich um das Konzept der freien Willensentscheidung. Leben und Leben lassen scheint Menschen in Kulturkreisen mit einer dualistischen Weltanschauung vor eine der schwierigsten Aufgaben zu stellen. Sie Sortieren alles in Oben und Unten, in Himmel und Hölle, Gott und Teufel, Erlösung und Verdammnis, Richtig und Falsch. Und ihr ganzes Handeln orientiert sich danach. Gluten ist schlecht. Saitan ist gut. Veganismus ist das neue Heilig, Lederschuhe bringen dich ins Fegefeuer. Die gesunde Mitte? Fehlanzeige.

Freunde verlieren einander, weil ihre Dinner-Vorlieben nicht mehr zueinander passen. Du Hirse, ich Hackbraten. Patanjali schrieb, Jesus predigte, Mohammed sprach, und heute verkündet alle Nase lang irgendein nächster Ernährungs-„Guru“ seinen Schäfchen, in welches bessere Leben der rechte Futter-Weg sie dieses Mal führen soll (solange sie nur seine Produkte kaufen).

Essen als Ersatzreligion

„Für Menschen, die intensiv auf eine bestimmte Form der Ernährung fixiert sind, die das als Heilsbotschaft vertreten, ist das Essen Zentrum der Heilsbotschaft“, sagte der Theologe Dr. Kai Funkschmidt 2013 in einem Interview mit ARD.de. „Hier gibt es schon manchmal ein säkulares Heilsversprechen, also die Idee, dass man durch Trennkost, Vegetarismus oder veganes Essen so gesund lebt, dass man im Grunde für Krankheiten gar nicht mehr anfällig sei. Das heißt in der letzten Konsequenz eine Selbsterlösung durch Ernährung.“

Wähle den „falschen“ Weg und zahle dafür mit deiner Gesundheit? „Im Krankheitsfall kann es nur an der schlechten Ernährung gelegen haben, oder aus religiöser Sicht betrachtet, der Lebensstil war nicht fromm genug und der Glaube nicht ausreichend“, so Funkschmidt. Adieu, Aufklärung. Willkommen zurück, finstrer Aberglauben.

Dabei sind wir biochemische Wunderwerke. Wir ziehen das Hütchen vor der Anpassungsfähigkeit von Ratten? Ich tippe, wir stehen dieser Spezies in nichts nach. Unser Körper kann sich einstellen auf Hunger, dauerhafte Mangelerscheinungen, sogar Vergiftungen müssen ihn nicht zwangsläufig umbringen. Die Evolution hat ihn in Jahrtausenden extremer Herausforderungen herausgebildet. Und plötzlich können ausgerechnet die Menschen in den am besten versorgten Ländern der Welt nicht mehr mit dem klarkommen, was bei ihnen auf den Tisch kommt? Plötzlich sind Gluten-Unverträglichkeit oder Laktoseintoleranz Volkskrankheiten?

Nicht, dass man mich falsch versteht: Ich bin alles, nur kein Befürworter von schäbigem Industriebrot oder Billigfleisch. Von einseitiger Ernährung und TV-Dinners. Von leeren Weißmehlprodukten, deren Ausdünstungen uns in deutschen Innenstädten alle 3 Meter anfallen und zum Kauf locken. Die Bedrohung durch internationale Lebensmittelkonzerne und deren ausschließlich profitorientierten Machenschaften gehört offengelegt und gestoppt. Über Massentierhaltung könnte ich heulen! Menschen sollten viel bewusster essen – und sich genauso bewegen.

Aber wenn ich doppeltverdienende Besseresser beim 1000-Euro-die-Woche-Retreat selbstzufrieden über die energetischen Vorzüge ihres selbst gebackenen Brots mit Bio-Chiasamen dozieren höre – dann empfinde ich das immer häufiger als zynisch.

Probleme auf ganz hohem Niveau

Leute: Diese Probleme muss man sich erst einmal leisten können! Chia-Samen sind Luxus, den sich nur ein Bruchteil unserer Wohlstandsgesellschaft täglich leisten kann. Und wer Quinoa, Moringa, Chia (nur mal als plakative Beispiele) nicht bezahlen kann, gehört schnell zu „den Anderen“. Den Falschen. Den Ausgegrenzten. Den Schlechteressern. Denen, sie sich mieser fühlen sollen und erzogen gehören – und die mit einer trotzigen „Mir doch egal“-Einstellung reagieren werden. So könnte definitiv nicht weniger Massentier-Fleisch in die Kühltruhe wandern – sondern möglicherweise sogar mehr.

Das Mächteringen der zwei Gegenpole funktioniert in etwa so: Ich Ashram. Du Mucki-Steriod-Bude. Ich Veganismus. Du Burger-Kette. Ich „Flow“. Du „Beef“. Am Ende: Ich gut, du schlecht. Diese Gegenkräfte schaukeln einander hoch und manifestieren sich. Aus meiner Sicht bleibt eine für alle schönere neu Welt damit ein Wunschtraum; denn über die Definition von Feindbildern hat sich in der Geschichte der Menschheit selten etwas zum Besseren bewegt.

Und eine Randbemerkung zum Nachdenken, die viel trivialer klingt, als sie ist: In anderen Ländern würde das, was bei uns aus den Supermärkten quillt, täglich tausende von Menschenleben retten. Ganz platt: Während dort die Leute sterben, rümpft man hier die Nase über den nicht organischen Fairtrade-Tofu. Das ist obszön.

Kaufen wir deshalb meinungslos die Discounter-Regale leer? Natürlich nicht. Jeder kann die Welt nach seinen Vorstellungen beeinflussen. Indem er bei sich selbst anfängt, Dinge zu verändern. Mit Betonung auf SELBST. Das Leben ist eine Reise, bei der jede Seele in ihrer eigenen Zeit an ihr eigenes Ziel kommt. Auf soviel Eigenbestimmtheit und Toleranz möchte ich auf keinen Fall verzichten.




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