tanzende_Tiere

Das Tanzen der Tiere

Vor einigen Jahren habe ich während einer Pressereise vor der Küste Yucatans einen Tauchgang gebucht. Der Tauchlehrer und ich waren allein unterwegs, er stand mir mit seinem Wissen über die Korallen und deren Bewohner also exklusiv zur Verfügung; ein seltenes Glück, denn man sieht und lernt ungleich mehr als in einer Gruppe.

Tauchlehrer kennen nämlich nach einiger Zeit am selben Ort jede Muräne, jede Wasserspinne, jede Koralle so wie wir unsere Nachbarn. Oder, so vorhanden, unsere Haus- und sogenannten Nutztiere. Sie wissen, wann die Meeresbewohner schlafen, wie zutraulich sie sind oder wie schreckhaft.

Zurück zum mexikanischen Tauchlehrer. Wir machten einen Drift Dive, was bedeutet, wir ließen uns von der Strömung ans Ende des Korallenriffs tragen, wo das Tauchschiff uns wieder aufsammelte. Es ist ein bisschen wie Fernsehen: Man schwebt an den Unterwassersehenswürdigkeiten vorbei, ganz unangestrengt. Möchte man etwas aus der Nähe ansehen, muss man gegenschwimmen oder sich festhalten, was ich nicht tat, um mir nicht eventuell die Hände aufzureißen oder an nesseligen Korallen zu verbrennen. Also nahm der Lehrer meine Hand, als wir vor der Wohnhöhle von Muräne „Gelb“, nennen wir sie mal so, angekommen waren.

Er hielt sich und mich fest und ich blickte in das Gesicht von Gelb, ein schönes, kräftiges Tier mit irre langen spitzen Zähnen, das uns aufmerksam beobachtete. Ich habe mich fürchterlich erschrocken, so nah vor ihr zu bleiben, mir schossen sofort Bilder der Killer-Monstermuräne aus dem Film „Die Tiefe“ durch den Kopf. Ich machte entsprechende Taucherzeichen für „Gefahr“. Der Lehrer winkte ab, wir schauten noch ein bisschen länger, und später, zurück auf dem Boot, erzählte er eine Geschichte.

Ein paar Jahre zuvor hatte er auf der thailändischen Insel Koh Tao mit anderen Tauchinstruktoren täglich Gruppen in die umliegende Unterwasserwelt gebracht. An einem stets gut besuchten Dive Spot stand eine gigantische Steinkoralle, die wegen ihres Aussehens Brain Corals, also Gehirn-Korallen genannt werden. Sie hatte zwei Stämme, aus denen die mächtigen Verzweigungen aufragten – und hier lebte eine sehr spezielle Muräne.

Ich habe sie „Diva“ getauft aufgrund der Eigenschaften, die sie offenbar an den Tag legte, sobald Taucher sich ihr näherten. Dann nämlich, so mein tauchender Mexikaner, schlängelte sie sich grazil aus ihrer Höhle und posierte regelrecht vor den Tauchern. Und sie liebte das Blitzlicht! Waren Kameras zugegen, legte sie sich sogar noch mehr ins Zeug. Sie ließ sich sogar streicheln. Ein eher seltenes Zutrauen.

Mir hat diese Geschichte sehr zu denken gegeben – denn wir Menschen neigen dazu, Tiere als weniger emotionale, weniger „eigenartige“, weniger intelligente Wesen einzuordnen und sie entsprechend darzustellen. Damit liegen wir garantiert ganz fatal falsch. Was nicht bedeutet, dass es korrekt ist, bestimmtes animalisches Verhalten aus unserer Vorstellung zu deuten. Verhaltensgestörte Tiere in kleinen Käfigen tanzen nicht. Sie versuchen sich instinktiv zu beruhigen respektive ist ihr hospitalistisches Wiegen sicher KEIN Ausdruck von Rhythmusfähigkeit.

Sicher kann jeder von euch, der mit Tieren lebt, von ähnlichen animalischen Charakter-Eigenschaften berichten. Von Katzen mit einem mehr oder weniger ängstlichen, frechen, smarten oder draufgängerischen Wesen. Von Vögeln, die singen und tanzen, Schweinchen, die es lieben zu kuscheln, oder hilfsbereiten Hunden, Kühen – ja, ich möchte nicht einmal die Fische aus dieser Sache ausschließen.

Wenn ihr das kennt oder auch nur nachvollziehen könnt – dann überlegt vielleicht zweimal, bevor ihr in einen Zoo geht oder einen Zirkus mit Eintrittsgeldern unterstützt, der Wildtiere in Gefangenschaft hält und sie ausnutzt für schlichte Geschäfte. Besonders fürchterlich finde ich zum Beispiel Zoohandlungen. Und ich will hier gar nicht erst das Riesen-Fass aufmachen, das vor unser aller Augen steht und industrielle Tierhaltung heißt.

Die ist so grausam wie unnötig, denn die Mengen an so produziertem Fleisch braucht kein Mensch. Im Gegenteil: Vieles davon, wofür Kreaturen leiden und sterben müssen, landet auf dem Müll. Und die Mengen an Protein plus indirekt konsumierten Antibiotika braucht auch unser Organismus nicht, sondern schaden uns eher.

Keine und keiner von uns ist in der Lage, allein das System dahinter zu ändern. Aber jedes Tier, das wir respektieren und schützen, ist eine Seele mehr, für die wir uns eigesetzt haben. Kleine Entscheidungen bewirken in der Summe Großes. Diese Macht gilt es nie zu unterschätzen.

Und wenn wir unbedingt fremde (tanzende) Tiere anschauen wollen: Die gibt es ja inzwischen in Mengen auf YouTube und in den Sozialen Medien 😉




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