Repair_Café_Ginger

Trend: Reparieren statt konsumieren

Menschen mit Ahnung helfen Leuten mit kaputten Sachen. So geht Repair Café. Die HappyWay-Autorin Sylke Heun beschreibt, wie aus einer Idee eine weltweite Bewegung wurde.

Das kleine Radio ist kaputt. Blöd! Das Skateboard quietscht. Uncool! Die Socke hat ein Loch. Die Lieblingssocke!!! Und was jetzt? Wegwerfen und neu kaufen? Manchmal scheint es gar keine andere Möglichkeit zu geben. Weil es keinen Dienstleister in der Nähe gibt, der es reparieren könnte. Oder weil die Kosten dafür den Sachwert weit übersteigen. Und was ist mit den eigenen Bastelfähigkeiten? Naja … Also weiter mitschwimmen im Konsumstrom.

Dabei wächst der weltweite Müllberg. Das allein nervt schon gewaltig. Nicht selten liegen auf diesem Müllberg Sachen, an denen unser Herz hängt, die wir eigentlich weiter und weiter und weiter nutzen wollten. Und weil uns die Trennung so schwer fällt, stehen die kaputten Sachen dann zuhause herum und stauben ein. Der Stuhl mit dem angeknacksten Bein, das fernsteuerbare Auto, die eingerissene Bettwäsche. Ist doch eigentlich noch gut.

Die Lösung heißt: Repair Café. Dort treffen Menschen, die etwas reparieren können, auf Menschen, die etwas zu reparieren haben. Es ist eine Bewegung, die vor etwas mehr als fünf Jahren ihren Anfang in den Niederlanden nahm. Die Journalistin Martine Postma organisierte in Amsterdam das erste Treffen von Ehrenamtlichen, die anderen Menschen kostenfrei helfen und Spaß dabei haben.

Seitdem geht die Idee rund um die Welt. Global gibt es inzwischen mehr als 700 Repair Cafés, schnell erkennbar am verspielten orange-lilafarbenen Logo. In Deutschland wird bereits an mehr als 100 Treffpunkten regelmäßig gewerkelt. Und von Monat zu Monat werden es mehr.

Kristina Deselaers (44) und Christin Stöckmann (47) gründeten im Sommer 2013 das erste Hamburger Repair Café und öffnen seitdem einmal im Monat die Türen zum Reparaturtreff. Jedes Mal kommen 80 bis 180 Leute mit reparaturbedürftigen Dingen. Am Anfang mussten die beiden Frauen einen Riesenansturm bewältigen, 380 Hilfesuchende sprengten fast die Kapazitäten. „Ein Drittel der Besucher kannte die Idee, ein Drittel war neugierig und ein Drittel eher skeptisch“, erinnert sich Kristina Deselaers.

Inzwischen hat sich aber herumgesprochen, dass das Repair Café keinem Handwerker die Arbeit wegnehmen will. Im Gegenteil: Die Motivation sind vor allem Umweltschutz und Ressourcenschonung. Das ist auch dringend nötig, denn allein in Deutschland fallen pro Jahr 600.000 Tonnen Elektroschrott an, EU-weit werden pro Jahr 60 Millionen Tonnen Plastik produziert.

Wer bei einem Repair Café gerade nichts zu tun hat, guckt bei den anderen vorbei, hilft oder schaut sich Tricks ab. Einer von ihnen sagt: „Für mich ist das Repair Café wie ein Spielplatz für Erwachsene.“

Außerdem geht es im Repair Café um das Wertschätzen von Dienstleistung, Dingen und Zeit. „Es gibt Leute, die kommen zu uns in der Hoffnung auf ein Schnäppchen und gehen mit dem Gefühl, ein Geschenk bekommen zu haben“, sagt Kristina Deselaers. Weil sich ein fremder Mensch ihnen und ihrer kaputten Sache – im besten Fall mit Erfolg – angenommen hat.

Auch die Reparateure freuen sich auf den monatlichen Treff im Norden Hamburgs. Es begann mit zwölf Freiwilligen, die die beiden Organisatorinnen über Meldungen in den örtlichen Zeitungen fanden. Sie trafen sich zu einem ersten Kennenlernen, danach lief es wie von selbst. Immer wieder melden sich seitdem Menschen und wollen mitmachen, im Pool der Helfer sind derzeit rund 60 Männer und Frauen jeden Alters.

„Ich habe Superprofis am Start“, sagt Kristina Deselaers stolz. Darunter sind ein Elektromeister, der Prüfplaketten vergeben kann, ein Landschaftsarchitekt, der leidenschaftlich gerne an alten Fahrrädern herumschraubt und die 84-jährige Margot Thiede, die neben ihrem Einsatz im Repair Café noch ein eigenes Näh-Café anbietet. „Gerade die Begegnung mit den älteren Leuten, mit ihrer Lebensklugheit, ihrem Humor und ihrem handwerklichen Können, hat mich verändert“, sagt Kristina Deselaers.

Alle zusammen seien „wie eine kleine Familie“, man pflegt Kontakt untereinander. Wer bei einem Repair Café gerade nichts zu tun hat, guckt bei den anderen vorbei, hilft oder schaut sich Tricks ab. Einer von ihnen sagt: „Für mich ist das Repair Café wie ein Spielplatz für Erwachsene.“

Es fühlt sich tatsächlich so an. Wer das Repair Café im Umweltzentrum Karlshöhe oder im DRK Seniorentreffpunkt Sasel besucht, sieht lauter Tische, an denen gebastelt, getüftelt und sich beraten wird. In einer Ecke rattern Nähmaschinen, in einer anderen wird gerade ein Fahrrad aufgebockt; die Schaltung will nicht mehr. An einem Tisch sitzen Frauen und stricken. In der Wollsocke ist vorne am Ballen ein Loch? Kein Problem. Hulda Schulze nimmt eine große Schere, schneidet die Sockenspitze beherzt ab, nimmt die Maschen auf und strickt eine neue Spitze dran. In einer anderen Farbe zwar, aber das macht die ohnehin bunte Socke nur noch hübscher.

Gleich daneben wird ein mehr als 50 Jahre altes Radio repariert. Überraschung: Das Röhrengerät an sich ist noch in Ordnung, das Kaninchen hat nur das Kabel kaputt geknabbert. Als der Apparat gebaut wurde, machte der Reparateur gerade eine Ausbildung zum Radio- und Fernsehtechniker. Er freut sich: „Dass ich so was noch mal in die Hände bekomme. Toll!“ Zwei Grundschuljungs stehen daneben, schauen interessiert in das Innere des Radios und fragen sich: „Kommen da wohl neue oder alte Nachrichten raus?“ Und sind begeistert, als sie wenig später die aktuelle Bundesliga-Berichterstattung hören.

Den Großteil der Reparaturen machen elektronische Haushaltsgeräte aus. Toaster, Wecker, Musikgeräte … Sie werden vorsichtig aufgeschraubt und begutachtet. Nicht selten finden die Experten dabei einen durchgeschmorten Kondensator. Der Fachbegriff dazu: „geplante Obsolenz“. Dahinter verbirgt sich die von Anfang an begrenzte Funktionsdauer eines Geräts. „Wer sich auskennt, der weiß, dass ein Kondensator nicht in der Nähe einer Wärmequelle platziert werden darf“, erklärt Kristina Deselaers. Wird er es doch, schmurgelt er irgendwann durch und das Gerät macht keinen Pieps mehr.

Die Hamburger Reparateure kennen das Spielchen schon und bringen ihre passenden Werkzeuge mit. Bezahlt werden müssen nur die nötigen Ersatzteile – und vielleicht ein Kaffee für den Fachmann oder die Fachfrau. Denn das gemeinsame Reparieren ist ein weiteres Ziel des Repair Café. Neben dem Spaß kann der Besucher im besten Fall durch das Zusehen und die Erklärungen des Experten beim nächsten Mal selbst zuhause tätig werden.

Die Bilanz der Repair Cafés kann sich übrigens sehen lassen. „Um die 70 Prozent der kaputten Geräte können wieder zum Laufen gebracht werden. Und auch wenn etwas nicht mehr zu reparieren geht, ist das eine wichtige Information für den Besitzer. Denn dann steht fest, dass das Stück wirklich weggeworfen werden muss“, sagte Repair-Café-Gründerin Martine Postma in einem Interview mit einem Umwelt-Blog.

Die Besucher, die freiwilligen Helfer, die Organisatorinnen, sie alle eint ein Gefühl: Dieses ständige Kaufen und Wegwerfen, so geht es nicht weiter. „Dieses Thema bewegt die Menschen. Sie sind hungrig nach Veränderung. Sie wollen sich verbinden und im Positiven Verantwortung für Dinge und andere Menschen übernehmen“, sagt Kristina Deselaers. Sie hat den Mentalitätswechsel auch an sich festgestellt. Früher waren der Innenarchitektin Leistung, Erfolge im Job und Shoppen wichtig. „Inzwischen“, sagt die Mutter zweier Söhne, habe sie sich „entdingt“. Sie nutzt ihre Sachen, so lange es geht. Und was nicht mehr geht, wird verändert. So wie das alte, große Bett, das sie gerade für einen ihrer Jungen zu einem kleineren Einzelbett umbaut.

Kristina Deselaers hat sich vor ihrem Engagement schon für Umweltschutz und Nachhaltigkeit interessiert. Aber mit dem Repair Café ist ihre Aufmerksamkeit noch gewachsen. Als einer ihrer Söhne in die fünfte Schulklasse kommt, steht das Fach „Technik“ auf seinem Stundenplan. Die Mutter freut sich, wird aber wenig später sehr enttäuscht, als sich „Technik“ als das Erlernen eine Power-Point-Präsentation entpuppt und nicht als das Aufschrauben eines alten Weckers. Sie nimmt Kontakt zu dem Lehrer auf und gemeinsam organisieren sie wenig später ein Repair Café nur für Kinder. Die Mädchen und Jungen bringen ihre kaputten Klamotten, Skateboards und fernsteuerbare Fahrzeuge – und gehen mit der Erkenntnis, dass sich viele lieb gewonnene Sachen durchaus reparieren lassen.

Solche Erlebnisse machen Mut und geben Energie. Das nächste Ziel haben Kristina Deselaers und Christin Stöckmann deshalb schon vor Augen: Sie möchte mit dem Repair Café für Kids ein Teil des Bildungsprogramms für Hamburger Schulen werden und es in Form von Wandertagen regelmäßig und für ganz Hamburg anbieten. Weil die kleinen Wegwerfer von heute die Konsumenten von morgen sind.

Es gibt noch viel zu tun und manche Hürde zu nehmen, aber die Hamburgerinnen Christin Stöckmann und Kristina Deselaers und mit ihnen alle anderen Repair Café-Organisatoren sitzen auf einem fahrenden Zug. Der Zulauf und Zuspruch von allen Seiten gibt ihnen eine positive Energie, die antreibt. Jedes reparierte Ding, jedes Lächeln eines glücklichen Besitzers ist ein weiterer Schritt.

Angefangen hatte alles ganz klein. Kristina Deselaers erinnert sich noch gut, wie sie das erste Mal von der Idee hörte und gleich begeistert war. Sie hat dann noch eine Weile gewartet, ob nicht vielleicht jemand anders in Hamburg damit beginnt. „Aber als nichts passierte, mussten wir es selber machen. Ich habe eben ein grünes Gewissen und bin ein hartnäckiger Typ.“ Mehr braucht es nicht.

Selbst ein Repair Café eröffnen: So geht’s!

Am Anfang steht die Suche. Als erstes nach einem Mitstreiter, weil Engagement zu zweit mehr Spaß macht. Dann nach einem Träger (Sportverein, Kirchengemeinde, Kleingartenverein etc.), weil dieser über ein bestehendes Netzwerk und im besten Fall auch große Räume verfügt, die nicht extra angemietet werden müssen. Über lokale Medien wird nach handwerklich begabten Helfern gesucht. Zeitgleich können in der örtlichen Politik und Verwaltung Fördermittel beantragt werden. Ein Versuch ist es wert! Bei repaircafe.org gibt es ein Startpaket (45 Euro) mit einem Handbuch, vielen Tipps, dem Logo als Vorlage, Formularen und der Aufnahme als offizielles Repair Café auf der Website. Die Dachorganisation verschafft außerdem den Kontakt zu Menschen, die in der näheren Umgebung ebenfalls ein Repair Café gründen wollen. Jetzt muss nur noch ein Termin gefunden und für das erste Repair Café geworben werden. Viel Erfolg!

 

HappyWayCoverMärz_smallDieser Artikel erscheint in Kooperation mit HappyWay, dem Magazin für Glück, Gesundheit und Genuss, und mit freundlicher Genehmigung der Autorin Sylke Heun. Erscheinungsdatum: Ausgabe 2/2015.




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