Tischmanieren_Ginger

Tischmanieren sind schockierend unterbewertet

Jeder hat ja so seine Macken. Meine habe ich leidlich im Griff, um nicht zu sagen: eigentlich ganz lieb. Sie gehören zu mir, sind allseits bekannt, ohne sie wäre ich nicht ich.

Meine Top 5: Ich trinke nicht aus anderer Leute Gläser oder Flaschen. In Menschenmengen bekomme ich Platzangst. Ich kann es nicht aushalten, wenn mir jemand geistesabwesend über die Haut streicht. Bei Stress knibble ich an meinen Fingern. Menschen, die sich am Tisch nicht benehmen können, verderben mir den Appetit.

Nach diesem kleinen Schrullen-Striptease wäre ich damit schon beim Thema. Obwohl Tischmanieren nicht wirklich in die Macken-Ecke gehören. Sie sind vielmehr eine Form des Respekts und der Achtsamkeit – der Nahrung gegenüber, der Zubereitung, den Menschen in der Küche, dem Akt des gemeinsamen Verzehrens und Genießens. Wer diese subtilen Gefüge ignoriert und sich mit Schmatzen und Schlingen darüber hinwegsetzt, tritt immer jemandem oder etwas auf die Füße. Ich muss dann leider unter Vorwänden den Tisch verlassen und ähnliches …

Nun  kann und will ich erwachsene Menschen eh nicht „erziehen“. Und Knigge ist für Hinweise an die Jüngeren auch nicht wirklich auf meiner Wellenlänge; ich kannte mal jemanden, der am Tisch seiner Eltern mit Büchern unter die Achseln geklemmt essen musste und nur reden durfte, wenn er angesprochen wurde. So was halte ich für Machtmissbrauch und pädagogisch wertlos.

Aber den Kommentar „Die Gabel geht zum Mund, nicht der Mund zur Gabel“ musste sich schon mancher (jüngerer) Mensch von mir gefallen lassen. Mein Sohn inklusive, der in seiner aktuellen Teenie-Phase manchmal am Tisch hängt wie ein nasser Sack. Liegt aber am Wesen der Pubertät und dürfte sich wieder normalisieren, sobald diese Hirn-Umprogrammierung abgeschlossen ist, da mache ich mir keine Sorgen.

So geht’s: Tischmanieren für Anfänger

An der Frage, wie man jungen Menschen ein Mindestmaß an gesellschaftlichem Savoir faire bei Tisch mit auf den Weg gibt, scheiden sich die Geister. Die einen versuchen es mit Strenge (und vermiesen so ihren Kindern die wichtige und natürliche Freude am gemeinsamen Essen). Andere schicken den Nachwuchs in teure Benimmkurse, die in Großstädten gern in Hotels ausgerichtet werden und den Knigge einmal rauf und runter durchexerzieren.

Ich bin einen anderen Weg gegangen und habe sehr früh und mit völliger Selbstverständlichkeit (aka kein Schimpfen, kein erhobener Zeigefinger) auf gewisse Grundregeln aufmerksam gemacht, darunter dass …

  • … mit Essen nicht gespielt wird
  • …man auch als Kleinkind durchaus in der Lage ist, eine Serviette zu benutzen
  • … der Mund beim Essen geschlossen bleibt
  • … die Ellenbogen nicht auf den Tisch gehören
  • … Gabel und Messer anständig in die Hand genommen werden und nicht wie Keulen in der Steinzeit in der Faust gehalten werden (um dann wie erwähnt zum Mund gehoben zu werden, statt wie über einem Trog über dem Teller zu hängen)
  • … man gerade sitzt (allerdings nicht nur beim Essen, das scheint gerade in der Generation Smartphone-Rücken eine echte Herausforderung zu sein und ist darum eigentlich doppelt wichtig)
  • … man nicht sein Messer ableckt
  • … das Smartphone am Tisch nichts zu suchen hat
  • … gewartet wird, bis sich alle aufgetan haben, bevor man zu essen beginnt
  • … man nachnehmen kann, statt sich gierig den Teller vollzuladen
  • … man sich beim Koch oder Gastgeber für die Arbeit am Herd bedankt
  • … man nicht einfach aufsteht und den Tisch verlässt, sobald man satt ist
  • … jeder dazu beiträgt, wenn gegessen wird, also sich niemand nur bedienen lässt
  • … man in „feiner Gesellschaft“ im Zweifel immer an jenen orientiert, die sich offensichtlich zu benehmen wissen.

Erstaunlich finde ich, wie wenig verbreitet diese Mindestanforderungen an Tischmanieren heutzutage sind. Ja, natürlich erlauben wir uns zuhause Ausnahmen (die allerdings die Regeln bestätigen): Dann slouchen wir alle gemeinsam mit einem Teller auf dem Tablett vorm TV, sind hemmungslos manierenfaul und lieben es.

Aber manchmal, wenn mein Sohn Freunde mitbringt, die ich besser kenne, halte ich mich auch nicht mit freundlichen Hinweisen zurück, wenn mir auffällt, dass offensichtlich Nachholbedarf herrscht. Und bisher hatte ich nie das Gefühl, dass dies völlig unfruchtbar gewesen wäre.

Denn viel schlimmer, als ein paar Mal liebevoll auf gewisse Verhaltensstandards hingewiesen zu werden, dürfte es sein, wenn es einem später im Leben ergeht wie einem Freund, mit dem ich 2, 3 Mal essen gegangen bin. Er schmatzte und schlürfte und hing über dem Teller mit dem Löffel in der Hand, als wollte er damit sein Essen angreifen. Alles völlig selbstverständlich und unbewusst. Wir sind nie wieder zusammen ins Restaurant gegangen.

Denn wer Tischmanieren nicht früh lernt – der lernt sie leider nimmermehr. Sondern fällt stets zurück in seine kindlichen, früh erlernten Muster. Zumindest in diesem sind sich die Erziehungsratgeber relativ einig.

Also haltet euch nicht für uncool, wenn ihr eure Kinder auch in diesem Punkt auf das Leben vorbereitet. Es ist immer eine Frage des Wie – und da empfehle ich mehr Liebe, weniger Von-Oben-herab-Pädagogik. Dann bleibt der Spaß am gemeinsamen Essen erhalten, und der Nachwuchs lernt trotzdem wichtige Lektionen für sein späteres Leben.




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