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Sharing is caring: Mein Erziehungs-Rat heißt „Respekt“

Mütter (und Väter) und trotzige Kleinkinder: Wer nie selber durchlebt hat, mit welcher Energie sich knapp Dreijährige gegen Dinge wehren, auf die sie keine Lust haben (oder auf Dinge bestehen, die sie unbedingt wollen), hat die Grenzen von Macht und Ohnmacht noch nicht wirklich kennen gelernt.

Als ich Mutter wurde, hatte ich auf Erziehungsratgeber bewusst verzichtet. Die grundsätzliche Entscheidung, mich auf die natürliche emotionale Kommunikation mit meinem Kind und auf mein Gefühl zu verlassen, habe ich in 16 Jahren nicht bereut. Doch auch wir gerieten in jene Phase der kleinkindlichen Entwicklung, die fast alle Eltern über die Maßen fordert. Wie ich mit den massiven Gefühlsausbrüchen in der Trotzphase umgehen sollte, wusste ich nicht. Wenn mein Sohn wütend wurde, weil er etwas anderes wollte als ich, fühlte ich mich zusehends ohnmächtig.

Eines Abends nach einem langen Arbeitstag kam ich in sein verwüstetes Zimmer, sagte ihm, er müsse jetzt bitte die Spielsachen wieder einräumen und dann ins Bett, und stieß an meine Grenze. Seine völlige Verweigerung und seine Wut triggerten meine. Plötzlich hatte ich Sätze im Kopf, die ich kaum aussprechen oder aufschreiben mag – ein Impuls, der mir Angst machte. Plötzlich verstand ich, wie es dazu kommt, dass manche Eltern ihre Kinder schlagen. Ich löste die Situation mehr schlecht als recht mit zusammengebissenen Zähnen und voller Verzweiflung über mich selber – und machte noch am selben Abend einen Termin mit einer Therapeutin, die mich gut kennt.

Ich erwartete fast die komplette, langwierige analytische Rückreise: Wurdest Du selbst als Kind geschlagen, wenn ja von wem, konntest Du diesen Menschen verzeihen … Ich sah mich die ganze therapeutische Klaviatur noch einmal von vorn durchspielen. Um es vorweg zu nehmen: Es blieb bei einer Stunde. Nachdem ich meiner Therapeutin den Grund für den Termin geschildert hatte, sagte sie nämlich nur lachend: „Ach, das ist einfach!“

Wie bitte? Wie oft hatte ich andere Eltern – im Flugzeug, in Supermärkten, im Kindergarten, auf der Straße – fast ausrasten sehen. Oder manchmal leider auch ganz. Falls es wirklich so einfach sein sollte, solche Kleinkatastrophen zu vermeiden, warum passierten sie dann an jeder Ecke? Warum wissen offenbar so wenige von dem wichtigen Tipp, den mir meine Therapeutin dann gab?

Das Sesam-Öffne-Dich bei Trotz: Respekt.

Alle Menschen, auch und vor allem die Kleinsten mit ihrem ungetrübten Sinn für Gerechtigkeit, sagte sie, wollen zuallererst respektiert werden. Auch wenn die vernünftige Mutter weiß, dass ihr Kind müde ist und das Zimmer aufgeräumter sein sollte, damit nicht jeder über alles fällt – dann weiß das Kind in dem Moment nur: Ich spiele. Und ich will weiterspielen. Zwei Interessenlagen stehen einander gegenüber und zwei ganz unterschiedliche Machtpositionen. Und der konfliktfreie Weg zur Lösung ist: Respekt und Verständnis.

Wenn ich als Mutter echtes Verständnis zeigen kann für die Wahrnehmung und die Wirklichkeit des Kindes – dann schaffe ich damit die Basis für einen Austausch. Zum Beispiel: „Okay, ich verstehe, du spielst natürlich lieber weiter. Das würde ich an deiner Stelle genauso. Aber ist es spät und Bettzeit, und dein Zimmer ist ein Schlachtfeld. Also, wie wäre dieser Vorschlag: Du spielst noch 10 Minuten, und dann komme ich noch einmal zum Aufräumen und wir ziehen Dir einen Schlafanzug an?!“

Demonstriere ich dem Kind jedoch: Du hörst damit jetzt sofort auf, denn ich will, dass du etwas anderes machst, fühlt sich jeder Knirps unverstanden und wehrt sich. Und zwar mit aller kindlichen Ungefiltertheit der Gefühle. (Dass Kinder in dem Alter keine Kontrolle über ihre Gefühle haben und nicht wissen, wie sie einen Wutanfall beenden können, ist ein anderes Thema. Aber ebenfalls wertvoll zu wissen …)

Mir erschien dieser „Trick“ fast zu einfach, um wahr zu sein. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass eine so simple Änderung im Umgang tatsächlich funktionieren würde. Meine Therapeutin sagte nur: Probiere es aus. Und probiere es auch in anderen Momenten aus, zum Beispiel bei der Arbeit, wenn Kollegen anderer Meinung sind. Habe ich Unrecht und mein Rat klappt nicht, kannst Du gern wiederkommen, und ich gebe Dir das Geld für die Stunde zurück.

Langer Rede, kurzer Sinn: Wir beide haben uns in den letzten 13 Jahren nicht wiedergesehen.

Es war der beste Rat meines Lebens, den ich schon mancher verzweifelten Freundin erfolgreich weitergegeben habe. Und er funktioniert nicht wirklich nicht nur mit trotzigen kleinen Kindern.

Versucht es selbst einmal, vielleicht mit dem Partner oder mit dem Vorgesetzten. Man muss nicht einer Meinung sein, um den anderen in seiner Meinung dennoch respektieren zu können. Dieser ehrlich geäußerte Respekt, die verbale Äußerung von Verständnis ist ein echtes Sesam-Öffne-Dich in jeder (Konflikt)Kommunikation.

 

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