Titel_Nobody_Lama_Marut

Nobody ist das neue Jemand

Wann, liebe Leute, hat das eigentlich alles angefangen: Dass aus dem kollektiven Sein das kollektive Haben wollen wurde? Das Wichtig werden. Das jemand sein.

Wann wurde eine grundsätzliche Zufriedenheit mit dem, was ist, verdrängt von einer Unzufriedenheit über alles, was nicht ist? Musste aus jedem von uns etwas Bedeutsames werden. Wann wurde der Titel auf einer Visitenkarte zur Existenzberechtigung und oft wichtiger als Freunde, Familie, Lebensqualität?

Für mich sind die Achtziger das Jahrzehnt, in dem Konsum, Geltungssucht, Karrierewahn und Ellenbogendenken ans gesellschaftliche Ruder traten und alles (uns inklusive) auf dem Weg in kältere Gewässer veränderten. Man erinnert sich: an beispielsweise jene in Tschacka-Tschacka-Seminaren ego-getunten Versicherungsvertreter, die sich zur Motivation ein Luxusmodellauto vor ihr Telefon stellten und Provisionen aus möglichst vielen Abschlüssen nachjagten. Egal, wie die zustande kamen.

Damals migrierte der „freundliche Herr Kaiser“ als Hamburg-Mannheimer-Versicherungs-Männchen vollends in die Scheinwelt der Fernsehreklame. Für meine Eltern, die in den Sechzigern und Siebzigern ihr Leben gestaltet hatten, war er noch ein echter Nachbar zum Anfassen, einer, der beim Bier am Abendbrottisch schnelle Hilfe anbot, wenn mal der Kleinwagenmotor in Rauch aufgegangen war.

Höher, schneller, härter, weiter.

Mehr, mehr, mehr. Anhäufen und Zusammenraffen, was geht, das war dann das Motto der Achtziger-Stunde. Als hätte man  schon kollektiv und entgegen allen Versprechungen des Kapitals geahnt, dass nur sehr wenige diese Aufwärtsspirale unendlich weiter  würden aufwärts klettern können.

30 Jahre später ist die Generation Volldampf – die in einst hippen Werbeagenturen und anderen „Kreativschmieden“ die Arbeitszeitenregelung als Relikt der Generation Gewerkschaft belächelte – ausgebrannt, ausgelaugt, ausgetauscht. Job-Interessierte von heute gehen stattdessen mit Forderungen nach Work-Life-Balance in das Bewerbungsgespräch, basteln sich eine heile Bärte-und-Omatapete-Welt ohne Plastikmüll und genmanipuliertes Essen für ihre staatlich subventionierten 1,36 Kinder und gehen nach dem Halbtagsjob zum Yoga.

Jeder Extremausschlag des gesellschaftlichen Pendels bedingt eben einen in die entgegengesetzte Richtung. Aufstieg und Karrieren sind inzwischen nur noch durch kräftezehrendes Job-Hopping möglich. Niemand setzt noch Vertrauen in die Loyalität von Arbeitgebern, die von Zukunftsangst verunsichert ihr Geld an Beraterfirmen verschwenden – die letzten der Tschacka-Mohikaner. Die tun, was Controller können: Ihre Sache ist nicht das Ausbrüten zukunftsweiser kreativer Ideen, in die man Zeit und Kapazitäten investiert. Sondern das Bewegen von Zahlen durch Tabellen, das Erbsenzählen und das Empfehlen weiterer Einsparungspotenziale. Auf dass wieder ein paar Angestellte ihre Existenzgrundlage verlieren.

Ein Nobody ist mit sich im Reinen

Alternative Lebensmodelle und deren Propaganda sind in diesem Setting eine geradezu logische Konsequenz. Wohin also jetzt, da das Gesellschaftsmodell „Haste was, biste was“ nur noch ein zuckender Zombie ist? Lama Marut, Autor von „Be Nobody. Warum wir uns nicht anstrengen müssen, jemand Besonderes zu sein“ adressiert mit seiner bewussten Infragestellung unserer Selbstwahrnehmung als „Individuen“ und „Egos“ die zentrale Figur jeden gesellschaftlichen Wandels. Jeden Einzelnen.

An ihn – also an uns alle – richtet Maruts Buch ein Plädoyer zur Akzeptanz: Sei ein Nobody, ein Niemand. Damit meint der zum tibetischen Buddhismus konvertierte spirituelle Lehrer mit dem bürgerlichen Namen Brian K. Smith nicht den Niemand als bedeutungslose Null. Als Loser. Sondern zeichnet seinen „Nobody“ als einen Menschen, der schlicht und ergreifend mit dem, was ist und was er ist, im Reinen ist. Der nicht dem vermeintlich Höheren, Besseren, noch nicht Erreichten hinterher hecheln muss, sondern sich befreundet mit der im Buddhismus gelehrten Loslösung vom Ego.

Wer akzeptieren kann, schon per se etwas Besonderes und damit nicht „besser“ oder „schlechter“ als andere Menschen zu sein; wer keine hochglanzpolierte Ausgabe seiner Selbst aufrechthalten muss, der könne ohne Angst und Zweifel sein. Der erreiche eine tiefe innere Zufriedenheit und Verbundenheit mit Allem. Solche Menschen strahlen aus, was man gemeinhin Charisma nennt. Eine Echtheit, die auf andere anziehend wirkt.

„Wenn wir versuchen, jemand zu sein, streben wir in Wahrheit danach, jemand anderes zu sein. Und dieses ,jemand anderes‘ ist die Wurzel all unserer Probleme“, sekundiert Rabbi Rami Shapiro, US-amerikanischer Autor und Schriftgelehrter, Maruts Ausführungen. Über gut 330 Seiten inklusive einer umfangreichen Sammlung von Anmerkungen, Zitaten und weiterführenden Literaturhinweisen erfahren Lama Maruts Leser, wie sie vom unglücklichen Jemand zum Niemand, zum besseren Jemand und schließlich zum glücklichen Nobody werden.

„Nobody is perfect“, heißt es, und auch der Autor zitiert den Ausspruch mit dem Hinweis darauf, dass allein dieser Umstand das Niemand-Sein begehrenswert mache. Für alle, die Perfektion für erstrebenswert halten (so eighties …!), das Killer-Argument für ein Umdenken.

Marut nennt in seinem Buch jedes innere und äußere Hindernis auf dem Weg zu einer neuen Selbstwahrnehmung. Alle Gefühle, Gedanken, Zweifel und schlussendlich die Freuden empathischer, alles berührender Liebe. Aktuell erleben wir eine Zeit der Unruhen und Kriege. Ist wirklich Alles mit Allem verbunden ist, kann diese Welt grad jede positive Gegenkraft gebrauchen. Und wenn sie mit dem Selbstverständnis des Einzelnen beginnt, ist dieses Buch ein durchaus charmant zu lesender und intelligenter Führer für dieses Abenteuer.

Eine Gesellschaft zufriedener Niemande, verbunden mit sich und allem, befreit von der zerstörerischen Ich-Bezogenheit – dieses Gegenmodell zu den selbstverliebten Karrieristen in Armani-Anzügen sollte uns ein Nachdenken wert sein. Und 336 Seiten sind nun wirklich nicht zu viel der Mühe.

 

Lama Marut: „Be Nobody. Warum wir uns nicht anstrengen müssen, jemand Besonderes zu sein“, 336 Seiten, Scorpio Verlag, 18,99 €, ISBN 978-3-95803-001-5

 




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