Urban-Garden

Mein Freund, der Baum

Nennen wir sie Susie Sorglos. Susie hatte diesen typischen Siebzigerjahre-Büroarbeitsplatz, an dem Grünpflanzen wucherten, Fotos der Familie hingen sowie mit hoher Wahrscheinlichkeit Sinnsprüche lauerten, die Susies Weltsicht herausstellen sollten. Susie hatte ab Mitte der Achtzigerjahre einen denkbar schweren Stand.

Damals kam ein neues Bild von Arbeitsumgebung schwer in Mode. Auf die Spitze trieben es Budget-gewaltige Werbeagenturen, die ihren Mitarbeitern jegliche Individualisierung des Arbeitsplatzes verboten. Der supersaubere Schreibtisch und nacktweiße Wände sollten die Kreativität auf Höchstleistung bringen, so die grundsätzlich profitmaximierende Idee dahinter. Keine Ablenkung durch Privat-Chichi, hinfort mit Ficus Benjamin und sonstigem Susie-Firlefanz.

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Dabei weiß jeder Psychologiestudent im 3. Semester: Menschen, die mit und zwischen Pflanzen leben, geht es insgesamt besser als jenen, die ohne Grün auskommen müssen. 30 Jahre nach dem „Clean Cut“ der Tschacka-Strategen haben zahllose gesellschafts- und verhaltensforschende Studien die Tiefe dieser Behauptung ausgelotet und Aussagen zutage gefördert, denen zufolge Susie aufatmen darf.

So zeigte eine im April veröffentlichte Untersuchung, dass Stadtbewohner mit viel Baum um sich herum weniger Antidepressiva verschrieben bekamen als jene, in deren Wohnvierteln Stadtgrün weitgehend Mangelware ist.

Die Liste der Vorzüge urbaner Grünflächen ist lang: Weniger Verwahrlosung und Abfall, mehr Gemeinschaftsgefühl, weniger städtische Abwasserprobleme, mentale und gesundheitliche Vorteile. Und auch aus dem Gesundheitswesen spricht ein Fakt Bände: Operierte genesen erkennbar schneller, wenn sie aus ihren Krankenhausfenstern auf Bäume blicken können!

Im Hamburger Albertinen-Krankenhaus etwa wurden daher die Dächer begrünt, wo möglich, außerdem ersetzte man die weißen Wände von OP-Sälen mit grünem Glas; das ist zum einen  hygienischer, zum anderen hat die Farbe einen guten Einfluss auf die Stimmung des Patienten.

Stimmen die Prognosen, leben 2050 rund 70 Prozent der Weltbevölkerung in Städten. Grüne Städte, sofern die Städteplaner ihren Job mit ausreichend Weitblick machen (denn auch das zeigt die Forschung: Stadtleben fördert Depressionen und Ängste …). Bäume und andere Straßen- und Flächenbegrünungen reduzieren Gesundheitsprobleme wie Asthma, drosseln im Sommer die Temperatur, säubern die Luft, heben Wert und Lebensqualität der Wohnviertel – und machen ihre Bewohner zu glücklicheren, gesünderen Menschen.

Ebenfalls in Hamburg kümmert sich eine Abteilung der Baubehörde deshalb um innovative Dachbegrünungs-Konzepte und fördert entsprechende private Initiativen. Da mit flächendeckenden Engagements seitens deutscher Stadtverwaltungen aber nicht unbedingt gerechnet werden kann, ist jede/r von uns abgehalten, die Angelegenheit selbst in die Hand zu nehmen. Wer Vorgärten und Gärten beackert, hat da leichtes Spiel. Schwieriger wird es in Straßenzügen mit Mehrfamilienhäusern, wo bestenfalls ein Balkon die einzige, oft nur strandtuchgroße private Outdoor-Fläche anbietet.

Hier könnte der Trend zu vertikalen Gärten die richtigen Impulse liefern. Die Idee: in (oft selbst entworfenen, aber inzwischen auch käuflich erhältlichen) Pflanzvorrichtungen Nutz- und Zierpflanzen an die Wände zu „hängen“. Das Ganze ist zwar in Sachen Bewässerung und Pflege nicht ganz unaufwändig (und Mieter von eigensinnigen Hausbesitzern sollten einen echten Senkrechtgarten keinesfalls ohne Erlaubnis anlegen). Aber schon dieses Kleinstgärtnern senkt den Cortison-Level im Körper, was gleichbedeutend ist mit weniger Stress, der sich anstaut und unser Leben stört.

Dass auf diesem Hobby-Weg echte Biotomaten, selbst gezogener Salat oder vielleicht eigene Kräuter für eure Küche abfallen, ist ein netter und motivierender Nebeneffekt. Und wer gar nicht ernten, sondern nur eine blütenreiche Dekoration will, findet in vielen Informationsquellen von Balkon-Blogs bis Pinterest und Instagram inspirierende Ideenvorlagen. Die Umsetzung reicht von DIY bis Ikea-Hack oder Balkoninstallationen, für deren ästhetisches Gelingen eigens Spezialisten anrücken.

Und die Susies dieser Welt? Die schleppen wieder sorglos ihren Gummibaum ins Büro. Die Argumente haben sie schließlich völlig auf ihrer Seite.

Allerdings nicht, wenn sie das Büro mit Allergikern teilen: Bestimmte Pflanzen (vor allem die genannte Birkenfeige) lösen Allergien aus, andere wiederum filtern die Luft und machen sie so gesünder. Im Idealfall verzichtet ihr Susies bei empfindlichen Bürogenossen auch auf Erde und setzt die Pflanzen in Hydrokulturen.

 




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