Zaun_Sylwia_Bartyzel

So klappt’s mit den (nervigen) Nachbarn

Vor ziemlich genau 20 Jahren trafen „Die Fantastischen Vier“ genau meinen (aktuellen) Ton: „Heute ist wieder einer der verdammten Tage, die ich kaum ertrage und mich ständig selber frage, warum…“ Schön zu wissen, dass man in guter Gesellschaft ist, wenn es um das Thema „Loslassen“ geht.

Für mich hätte der heutige Tag zum Beispiel deutlich entspannter beginnen können. Aber seit einem morgendlichen Besuch unserer „speziellen“ Nachbarn beschäftige ich mich statt dessen mit viel zu vielen Fragen.

Wieso kann ein Mensch den „Blick ins Grüne“ als Störfaktor empfinden? Ist die barrierefreie Sicht auf Betonbunker plötzlich der letzte Schrei? Zeigt das Garten-Trendbarometer in Richtung Neo-Minimalismus, mit Bodendeckern als Krone der Pflanzkunst? Und warum pochen meine Nachbarn auf eine Heckenhöhe von XYZ, auch wenn meine Pflanzen weder deren Garten noch irgend einen angrenzenden Wohnraum beeinträchtigen?

Und überhaupt: Wer wagt es, mich in meinem sonntäglichen Chill-Mode aufzuwühlen? Ist es o. k., wenn mir Mitmenschen einfach ihren Mist vor die Türe kippen, um hinter meinem Rücken mit einer Becker-Faust wieder abzumarschieren?

Einatmen. Ausatmen. Und dann dauert es nicht lange, bis der ursprüngliche Grund meines leicht angespannten Gemütszustands gar nicht mehr wichtig ist. Ab einem gewissen Punkt des Zur-Ruhe-Kommens beschäftigt mich nur noch eine Frage: Warum kann ich nicht loslassen?

Loslassen, so wie es in einem buddhistischen Gleichnis die Geschichte zweier Mönche beschreibt. Darin trägt während einer Wanderung einer der beiden eine junge Frau über einen Fluss und setzt sie am anderen Ufer ab. Nach etwa einer Stunde fragt ihn der andere, warum er das getan habe; der Kontakt zu Frauen sei ihnen doch untersagt. Die Antwort: „Ich habe die Frau schon vor einer Stunde abgesetzt. Warum trägst Du sie immer noch mit Dir herum?“

Manchmal ist es einfach so. Die Dinge liegen längst hinter uns, wir aber spielen sie in Gedanken wieder und wieder durch. Stellen sie in Frage, analysieren uns krumm und buckelig. Diese Funktionsweise ist typisch für unseren Geist. Vor allem negativ behaftete Erlebnisse und Situationen lassen uns nicht los und melden sich wie Bumerangs wieder und wieder zurück.

Was uns das bringt? Gar nichts.

Den Umgang mit der (Um)Welt beschreiben in den traditionellen Yoga-Schriften sogenannte „Yamas“, fünf Regeln, denen ein Schüler folgen solle. Das erste Yama heißt „Ahimsa“ und bedeutet so viel wie Gewaltlosigkeit. Patanjali als Verfasser dieser Sutras genannten Schriften sagt: „Wer fest verankert ist in der Gewaltlosigkeit, in dessen Umgebung schwindet die Feindschaft.“

Im übertragenen Sinne geht es bei Ahimsa um die Entwicklung einer geistigen Haltung, in der Aggression durch Liebe beziehungsweise Nachsichtigkeit ersetzt wird. Gewaltlosigkeit meint also nicht unbedingt körperliche Gewalt, etwa gegenüber anderen Lebewesen. Sondern sie beginnt mit einer inneren Einstellung gegenüber Allem.

Erlebe ich etwas, wogegen ich mich sträube, reagiere ich mit Widerstand und errichte sofort eine Mauer. Ich will dann (mit Gewalt) etwas anderes, als gerade passiert.

In meinem Beispiel wehre ich mich innerlich gegen die Kritik der Nachbarn und versuche, sie abzuwehren. Was fällt denen denn ein? Und schon ist Runde Eins im Kampf gegen das Ich eingeläutet, das Ego plustert sich zur Bestform auf.

Die Kunst besteht natürlich darin, Ahimsa im Alltag umzusetzen. Der Theorie Taten folgen zu lassen.

Ich habe da eine Taktik entwickelt, die euch dabei möglicherweise ebenfalls hilft. Sobald ich merke, dass ich in die skizzierten Verhaltensmuster verfalle, spule ich ein mentales Gegenprogramm ab. Es bewahrt mich fürs Erste vor der Eigendynamik potentiell kritischer Momente.

  1. Zeige Liebe und Mitgefühl

    Nur so können wir anderen und uns selbst verzeihen. Vor allem, wenn etwas nicht ganz so geklappt hat, wie wir es uns vorgestellt oder gewünscht hatten.

  2. Akzeptiere, was ist

    Diese Einstellung erspart uns negative Gefühle wie Wut, Hilflosigkeit oder Verzweiflung. Warum sollte denn ausgerechnet alles so laufen, wie wir es gerne hätten.

  3. Folge dem Atem

    Schlagen die Gefühlswellen richtig hoch, aktiviere ich die Zauberwaffe Atem. Sobald der unruhige Geist, unser „Monkey Mind“ endlich beruhigt ist, können wir die Dinge mit dem nötigen Abstand betrachten. Ein paar Runden tiefe Bauchatmung mit Konzentration auf die Ein- und Ausatmung wirken da Wunder.

In der Theorie klingt das alles einfach. Aber ich bin mir selbst gegenüber ehrlich genug zu wissen, dass der nächste Ahimsa-Belastungstest nie allzu lange auf sich warten lässt

P.S.: Das Problem mit dem „Blick ins Grüne“ habe ich übrigens bis heute nicht verstanden. Aber wie sagt der Rheinländer so schön? „Jeder Jeck is‘ anders!“ Manchmal hilft auch diese grunddeutsche Einstellung, Ahimsa in unseren Alltag zu übertragen.

 

Diesen Gastbeitrag hat uns Denise Kirchberg geschickt, Marketing-Kommunikationswirtin und Yogalehrerin im Herzen des Ruhrgebiets. Sie schreibt auf ihrem Blog Yoga Nidhana mit viel Liebe über News und Trends rund um Yoga & Co.

 




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