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Lama Marut: Von Narzismus-Kultur und Nobodys

In einer Zeit von Selfies und Posertum plädiert der Buddhist Lama Marut für eine Anerkennung der Tatsache, dass wir alle gleich sind. Im Gespräch mit GINGER erklärt der frühere Professor für Vergleichende Religionswissenschaften seine Philosophie – so intelligent wie allgemein gültig und verständlich.

Folgendes Szenario: Sie brechen gerade zu einer Geschäftsreise nach Übersee auf, da werden Ihnen am Flughafen alle Papiere gestohlen. Eine nervige und verstörende Situation. Bleiben Sie trotzdem ein “Nobody”?

Obwohl wir im Innersten alle ein “Nobody”, ein “Niemand” sind (im Sinne einer tieferen Identität als die, mit der wir uns für gewöhnlich identifizieren), sind wir zugleich doch alle auch ein “Jemand”. Jeder von uns hat eine individuelle Persönlichkeit, mit Schwächen und Stärken. Und es ist eine wichtige Lebensaufgabe, das “Jemand-Selbst” zu optimieren: indem wir unsere spirituellen Stärken unterstützen und die Macht der Schwächen über uns minimieren.

Zu den spirituellen Aspekten, die uns dabei helfen, ein erfüllteres und glücklicheres Leben zu gestalten, gehören das Annehmen und die dafür nötige Weisheit. Ein buddhistischer Text besagt: “Kannst Du etwas an einer Situation verändern, gibt es keinen Grund, dich zu ärgern. Und kannst du nichts ändern – gibt es auch keinen Grund, dich zu ärgern.”

In einer Situation wie der beschriebenen können wir diese Maxime zur Anwendung bringen. Die Papiere sind weg – was kann ich also tun? Und was muss ich einfach akzeptieren, denn: “So ist es jetzt” (ein Mantra der Akzeptanz, über das ich in meinem Buch schreibe).

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Selbstverständlich ist es nicht einfach, all das zu beherzigen und anzuwenden, wenn man gerade mitten in so einer Situation steckt. Das sage ich aus Erfahrung; etwas ähnliches ist mir vor Kurzem gerade passiert.

Aber ernsthaft: Was hat man schon für eine Wahl? Sich aufzuregen über etwas Unabänderliches bewirkt nichts Gutes und lenkt nur davon ab, sich auf das Machbare und Nötige zu konzentrieren.

Gibt es für Sie einen „wichtigen Jemand“, den Sie gern in einen “wichtigen Niemand” verwandelt sehen würden?

Heutzutage liegt derart viel Gewicht und Bedeutung darauf, “wichtig” zu sein – bekannt, geschätzt, als Person und Persönlichkeit anerkannt –, dass so ziemlich jeder davon profitieren kann, etwas mehr Bescheidenheit und Selbstlosigkeit zu kultivieren.

Das gilt um so mehr für jene unter uns, die geradezu fasziniert sind von Ruhm und der “Facebook-Kultur”.

Wir leben eine sogenannte Narzismus-Kultur, und die Möglichkeiten des Internets sowie die Konsum-Ideologie sind Wasser auf die Mühlen der Egozentrik. Gleichzeitig leiden viele Menschen an mangelndem Selbstwert und Depression (aus meiner Sicht nicht zufällig parallel zum Anstieg des kulturell anerkannten Narzismus). Für sie ist es von äußerster Wichtigkeit zu verstehen, wo die wahren Gründe dafür liegen, dass man sich mit sich selbst wohl fühlt, im Reinen ist.

Unsere spirituellen Traditionen vertreten seit jeher die Überzeugung und Lehre, das Selbst-Besessenheit unserem grundsätzlichen Gefühl von Selbstwert eher hinderlich ist. Das stärken wir vielmehr durch den Versuch, uns mit etwas oder jemand anderem zu verbinden. Wir sind am glücklichsten und erfülltesten, wenn wir uns in Liebe und Mitgefühl für andere verlieren. Oder wenn wir fasziniert und ehrfürchtig etwas erkennen, das jenseits unseres Selbst liegt.

Schule und Altersphasen wie Teenagerzeit, die plakative Waren- und Werbewelt, die sozialen Medien – alles in unserem System ruft „Wettbewerb“. Können Kinder dieser Falle entkommen? Oder müssen sie den friedvolleren Zustand des “Niemand”-Seins dann re-etablieren, nachdem auch sie lange und voller Anstrengung danach getrachtet haben, ein Jemand zu werden? Wie lautet Ihr Rat an Eltern in Bezug auf die Selbstwahrnehmung ihrer Kinder? 

Ziemlich zu Anfang meines Buchs widme ich ein ganzes Kapitel dem Thema, wie wichtig es ist, ein gutes, gesundes Selbstwertgefühl zu kultivieren. Ganz besonderns in unseren Kindern.

Jeder Mensch ist einzigartig und besonders. Wir sollten diese Einzigartigkeit respektieren und uns daran freuen – und unseren Kindern dabei helfen, dasselbe zu tun. Selbst-Akzeptanz (unserer Talente und Begabungen, aber auch gegenüber jenen Aspekten unseres Charakters, an denen wir arbeiten müssen) ist der Zustand, der uns die Möglichkeit eröffnet, auch die Besonderheit und Einmaligkeit anderer zu respektieren.

In unserer Einmaligkeit sind wir alle gleich (wenngleich auf unterschiedliche Art). Niemand ist per se und von Natur aus besonderer als jemand anderes. Ich denke, diese wichtige Perspektive sollte man seinen Kindern früh vermitteln.

Grundsätzlich ist nichts verkehrt an Wettbewerb. Er kann das Beste an uns zum Funkeln bringen. Problematisch wird es, wenn das “Gewinnen” zu viel Gewicht bekommt. Das macht andere automatisch zu “Verlierern”.

Schon das Sprichwort sagt, es geht nicht darum, ob man gewinnt oder verliert. Sondern nur darum, wie man das Spiel spielt. Die Hauptsache ist, bei jeder Anstrengung, die wir für wichtig genug halten, dass wir sie auf uns nehmen, unser persönliches Bestes zu geben. Dann sind wir automatisch Gewinner – ohne dass andere dafür zu Verlieren deklariert werden müssten.

Ja, abschließend würde ich sagen, ein gesundes und starkes Gefühl von Identität ist eine Grundvoraussetzung für den nächsten Schritt, aus spiritueller Sicht. Dann beginnt, was ich als die ‚ego-ectomy‘ bezeichne, das endgültige Abtrennen vom Ego.

Die Ausbildung von Dankbarkeit und Bescheidenheit sowie die Bereitschaft, verborgene Schichten der Identität jenseits des Persönlichen oder Individuellen zu erkunden, verlangt ein gewisses Selbstvertrauen, das quasi als Ausgangspunkt in tiefer greifende Aspekte unseres Seins fungiert

Wahrheit oder Pflicht: Hat man Sie je dabei ertappt, ein Jemand zu sein – während Sie gerade ein Plädoyer dafür hielten, ein “Niemand” zu sein?

Hach, diese Frage hat man mir oft gestellt. Schließlich reise ich durch die Welt, um als Lama Marut ein Buch mit dem Titel “Be Nobody” zu bewerben. Wer es nicht gelesen hat, mag das widersprüchlich finden. Oder sogar scheinheilig

Wir alle spielen im Leben mehrere Rollen, abhängig vom Zusammenhang. Mit unserer Familie sind wir jemand anderes als mit unseren Freunden, und im Job kommt noch eine andere Persönlichkeit hinzu. Das gilt natürlich auch für mich. Wie ich im Buch sage, ist “Lama Marut” offensichtlich nur eine der vielen Rollen, die ich in meinem Leben übernehme.

Also wer bin ich? Wir alle sind Jemand, aber präziser formuliert könnte man sagen, dass wir alle eine Sammlung von “Jemanden” sind, eine Anhäufung an Hauptrollen.

Nobody zu sein schlägt nicht vor, dass wir danach trachten sollen, nichts zu werden, um uns dann irgendwie nihilistisch in den Äther zu verflüchtigen.

Die persönliche Identität ist nicht starr und festgelegt, sondern eher ziemlich komplex, kontextabhängig und veränderlich; einer der Gründe dafür, warum es so schwierig ist, darüber substantielle Aussagen zu machen.

Aber wir sind gleichzeitig mehr als nur die Summe unserer Rollen. Ich leite in meinem Buch her, dass wir als Indiviuen sind, wer wir dachten gewesen zu sein. Unsere Erinnerungen – einschließlich die der Rollen und Personen, die wir in unserer Vergangenheit waren – definieren unsere aktuelle Selbstwahrnehmung.

Unser Selbst als Individuum ist lediglich ein Selbstverständnis – die Idee eines Selbst. Es ist keine feste Größe oder ein Objekt, ein Ding – was nicht heißt, es sei nicht “wirklich”. Ideen sind sehr real.

“Sei Niemand” schlägt nicht vor, dass wir danach trachten sollen, nichts zu werden, um uns dann irgendwie nihilistisch in den Äther zu verflüchtigen. Wir sind dann “Niemand” – und gehen in Berührung mit unserem wahren Ich, unserem Höheren Selbst –, wenn wir uns von der Idee eines individuellen Selbst lösen und damit aufhören, uns selbstbewusst mit einer unserer Lebens-Rollen zu identifizieren.

Was der Psychologe Mihály Csíkszentmihály “flow state” genannt hat, den Zustand des “Flow”, bezeichne ich als “aufmerksame Unbewusstheit”. Diesen Zustand erreichen wir, sobald wir das Geschnatter im Kopf hinter uns lassen können. Wenn die inneren Stimmen endlich verstummen. Dann können wir und wahrhaft mit dem Fluss des Lebens identifizieren. Können wir damit eins werden.

In diesem Augenblicken des Seins erfahren wir, wie es sich anfühlt, “Niemand” zu sein. Denn dann sind wir nicht länger ein “Jemand”. Und es fühlt sich großartig an! Wir sind immer dann am glücklichsten und fühlen uns frei, wenn wir nicht irgend jemand sein müssen, sondern uns entspannt dem Dasein hingeben.

Wenn man versucht, ein “Nobody” zu werden – kommt es da zu Komplikationen in einer Welt, die davon geprägt ist, aus allen ein “Jemand” zu machen? Wie geht man mit den Reaktionen um, zum Beispiel aus Familie und Freundeskreis?

Wir werden ja nicht zu einem “Niemand”. Sondern wir sind es. Unser tiefstes und wahrhaftigstes Wesen – ob man es die unsterbliche Seele nennt oder das Wahre Selbst, das Buddha-Wesen oder sonstwie – wurde nie geboren, ist nie gestorben, ist niemals ein anderes.

Und es ist in allen von uns gleich.

Identifizieren wir uns vollkommen mit unserem individuellen Selbst, verlieren wir die Verbindung mit diesem Wesen – und vergessen, dass uns alle das Gleiche vereint.

Solange unsere Individualität dadurch definiert ist, dass wir einzigartig sind und anders als andere, kann es Probleme mit unseren Mitmenschen geben. Denn dann achten wir nicht auf das, was uns verbindet.

Wir sind aber alle gleich, den wir alle wollen nicht leiden, sondern glücklich sein. Niemand hat mehr Recht auf Glück als ein anderer. Wir sind auch darin gleich, dass das Potential der göttlichen Seele oder des Buddha-Wesens jedem gegeben ist. Und zwar absolut gerecht und gleich verteilt. Wir alle sind zugleich “Jemand” und “Niemand”.

Die Anerkennung dieser grundsätzlichen Gleichheit ist der Kern guter Beziehungen. Erkennen wir diese von allen Menschen geteilten und alle  verbindenden Gemeinsamkeiten wirklich an, fällt es uns leicht, die Essenz eines moralischen Lebensverständnisses in jede Beziehung zu integrieren: Behandele jeden Menschen stets so, wie du selbst von ihnen behandelt werden möchtest.

Jenseits all unserer relativ oberflächlichen Unterschiedlichkeiten teilen wir exakt dieselben unbeschreiblichen und undifferenzierten Eigenschaften des “Nobody”, des Niemand. Und wir sind am glücklichsten, erfülltesten und mit der Welt verbunden, wenn wir das erkennen und anerkennen.




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