Goa_Sunset

Goa – von Hippietopia zu Indiens Palm Beach

Wie das Aussteiger-Mekka zum Hot-Spot der indischen High Society wurde

Der Soundtrack von Goa by the beach ist eine Kompilation aus Meeresrauschen, Elektrobeats und dem Schlippschlippschlipp von Zehenlatschen auf Sand. Abends, wenn die vielen Hunde in Rudeln Krebse in der Brandung jagen, sitzt man mit einem Gin Tonic in der Hand auf dem warmen Sand, sieht der Sonne beim Sinken zu und wünscht sich, dass dieser Moment und diese Schönheit nie vergehen. Auch wenn sich hier sonst alles immer ändert.

Meine erstes Mal Goa, das war vor mehr als 30 Jahren. Oktober 1989, in Ostdeutschland lief ein Sturm gegen eine Mauer, die gerade noch so standhielt. Welches Deutschland ich sechs Wochen später vorfinden sollte: Niemand wusste es. Ich wollte in eines ohne Liebeskummer zurückkommen. Und suchte Abstand, eine Zäsur, Veränderung. Um Altes loszulassen, Neues zu finden, deshalb waren schließlich schon tausende andere „Westler“ vor mir nach Goa gepilgert.

Auf dem Rollfeld des Militärflughafens von Dabolim pumpte erst einmal leichte Panik durch mein gebrochenes Herz. Alle anderen Fluggäste aus Bombay, das jetzt Mumbai heißt, hatten ihr Gepäck längst in Tuk Tuks oder einem schwarzgelben Ambassador-Taxi versenkt und waren weg. Mein Rucksack fehlte, Taxis gab es keine mehr. Die Luft lag heiß über mir, ihre Feuchtigkeit satt mit fremden Gerüchen. Auf dem löchrigen Asphalt standen Soldaten mit Maschinengewehren. Ihnen lief der Schweiß in die Stiefel, mir verklebte er den Zettel in der Hand, darauf die Adresse meiner Freundin. Mehr hatte ich kaum dabei. Als ich gerade aufgeben wollte, entstand noch einmal Bewegung am Laderaum. Ein großer, schwerer Gegenstand wurde auf eine Karre geladen. Daneben, klein und Lila, mein Rucksack. Er wurde zusammen mit einem Sarg ausgeladen. Kali, die Göttin des Todes und der Erneuerung, hieß mich willkommen.

Seitdem fliege ich regelmäßig nach Goa, und Wandel blieb verlässlich die einzige Konstante. Saison für Saison ändert das südwestindische Bundesland – ein 65 Kilometer breiter, 105 Kilometer langer Küstenstreifen – sein Bühnenbild; immer andere Darsteller inszenieren darin ihre Version von Ausstieg. Als wäre der Ort dafür prädestiniert.

Go with the Goa flow – in billigen Häusern und auf nächtelangen Full Moon Partys

In den späten Sechzigern, Portugal hatte seine Kolonie vor ein paar Jahren an Indien zurückgegeben, landeten die ersten Hippies. Breiteten bunte Tücher, die hier Lunghis heißen, im Schatten der Fischerboote von Baga, Calangute, Anjuna aus und saßen mindestens halbnackt in der Sonne. Benebelt von Hitze und dauerkreisenden Haschisch-Shillums delirierten sie von Hippietopia. Gelegentlich kletterte einer im LSD-Rausch auf eine Palme oder verbrannte im Lagerfeuer seinen Pass. Auch Gegenkultur braucht plakative Rituale.

Ströme junger schöner Menschen aus aller Welt folgten dem Lockruf Goas. Das Leben in den Subtropen war billig. Es gab kaum Autos, die alten portugiesischen Häuser, die man für ein paar Monate oder länger für ein paar Mark mieten konnte, boten weder Kühlschränke noch Wassertoiletten. Man fuhr Tuk Tuk oder trieb ein altes Enfield-Motorrad auf. Die Sonne schien, das Leben war easy. Und alle kamen immer wieder. Zu einer Pause in der Wirklichkeit, ohne große Ansprüche, solange die Kokosnuss frisch war und das Kingfisher-Bier kalt. Solange der Ausblick über das Arabische Meer in die untergehende Sonne die Gedanken befreite. Solange immer irgendjemand eine Party organisierte. Auf den weltberühmten kleineren und größer werdenden Fullmoon-Parties tanzten sich Generationen von Leichtbekleideten über Tage und Nächte in Trance. Oder wenigstens so lange, bis die berüchtigte Goan Police ihr Bakschisch mit Schlagstöcken eintrieb.

Go with the flow, sagt die yogische Weisheit. Denn nichts bleibt, wie es war. Und zum Teil sehen die duldsamen Goaner den Weltenlauf natürlich in den Händen ihrer vielen Götter. Dennoch hat man im Tourismus-Ministerium von Goa lernen müssen, dass der Mensch Fehler macht. So sank, als durch die Wirtschaftsflaute die Charterflieger aus England, Frankreich, Deutschland ausblieben und man Kontingente billig an russische Reiseveranstalter verkaufte, die Freizeitqualität in Goa rapide.

Schon seit Beginn der 1990er hatten rund um Baga und Calangute Legionen rotverbrannter Fish-und-Chips-Urlauber eilig hochgezogene Familienhotels gekapert. Karaoke-Bars entstanden (und sind längst wieder geschlossen), Discos wummern seither Eurotrash durch die Hochsaison. Das gechillte Loslassen unter Palmblattdächern wich wurstigen Plastikbuden. Die Schönheit von Goa und Orte der Ursprünglichkeit, wo sich abends über Hügel und Reisfelder das verwobene Kling-Klang-Kling dutzender Hindu-Tempeln mit den Geräuschen der Tiere mischt, sucht man seither tiefer landeinwärts.

Im Schlepptau von Love & Sunshine kamen Brad Pit, Kate Moss & Jade Jagger

Die Karawane der Neo-Hippies und Goa-Freaks zog zu den Stränden nördlich des Chapora-Flusses. Zwischen Morjim und Arambol an der Grenze zu Maharashtra gab es bis in die späten Neunzigerjahre noch kilometerlang unberührte Strände, auf den Straßen mehr Kühe als „foreigners“. Wer Durst hatte, musste eigenes Wasser dabeihaben, um Abfüllungen aus Dorfbrunnen zu meiden. Damit im Bauch stand man für die nächsten zwei Tage garantiert nicht mehr auf. Schnell stellten die geschäftstüchtigen Goaner erst Chai-Stände in den Sand, aus denen dann Beach Huts und später Zelt-Dörfchen zum Mieten wurden. Bis schließlich Brangelina und Kate Moss in die ersten Resorts kamen und Jade Jagger ein Grundstück am Strand von Ashwem kaufte.

Ihre Schmuckboutique 200 Meter weiter schloss 2020. Rechts und links flankiert den wieder neu bezogenen Palm-Bambus-Bau weiterhin die schnell angewachsene Reihe an Strandbars und schlichten Shops mit Mode und Strand-Accessoires. An wen Jade Jagger ihre Pretiosen verkauft hat, blieb immer ein Rätsel. Die Gäste, zu denen in den frühen 2000ern auch eine kurze, aggressive Urlauber-Flut aus Russland gehörte, die mit dem Verfall des Rubels wieder abgeebbt ist, dürften sich das Jagger-Angebot ebenso wenig leisten können wie die Mehrzahl der heutigen Strandbesucher.

Seit 15 Jahren hatte sich hier ein harmonischer Multikulti-Mix aus Italienern und Franzosen, Deutschen, Engländern, Russen etabliert. Den nördlichsten Zipfel Goas bestimmen Yoga-Retreats, gehobene Gastronomie wie das La Page oder L’Atelier sowie die schönsten Mini-Resorts des Bundeslands, etwa Little Palm Grove oder das ökologisch ausgerichtete Yab Yum Resort. Die Tage verbringt man – mit Urlaub. Yoga am Morgen oder als Ausbildung, mittags ein Avocado-Brot zum Watermelon Juice oder Mango Lassie. Und immer wieder Abkühlen in den Wellen und die Frage: Wo essen wir? Wer kommt dazu, wo ist am Abend was los? Denn in der Saison, also zwischen Oktober und April, ist immer etwas los.

Von Palm Grove zu „Palm Beach“: Indiens Upper Class erfindet Goa neu

Das Angebot ist sogar breiter und hochwertiger, seit Indiens Upper Class Goa für sich entdeckt hat. Der wirtschaftliche Aufschwung Indiens – das Wachstum betrug teilweise bis zu 14 %, hatte sich 2019 bei knapp 7 % eingependelt und schrumpfte in der Corona-Pandemie arg zusammen – hob Goa auf den Radar der eigenen Bevölkerung. Wer es sich leisten kann (und das nicht selten aus „schwarzen Kassen“), hat heute ein Feriendomizil in Goa. Villen wachsen aus den Kokoswäldern, die über zwei Drittel des Bundesstaates bedecken. Die Immobilienpreise sind explodiert, die schönen Anwesen im goanisch-portugiesischen Stil aus der Kolonialzeit erzielen Höchstpreise. Nicht wenige werden nach dem Verkauf leider abgerissen – um Villen-Dörfchen zu weichen. Schicke Restaurants und Boutiquen sowie deutlich verbreiterte Straßen beweisen, dass man in Goa die neuen Gäste aus Delhi, Mumbai, Bangalore oder Kolkatta als Zielpublikum erkannt hat.

Viele der neuen Residenzen liegen an den schönsten Orten des Bundesstaats, umgeben von tropischer Vegetation, aus denen Affen-Herden springen und exotische Vogelrufe zu hören sind. Fenster, die bis zum Boden reichen, geben den Blick über Flusslandschaften oder Reisfelder frei. Hier ziehen zur späteren Tageszeit Herden von Wasserbüffeln durch. Auf ihrem Rücken reiten weiße Reiher, nachts suchen sich die Vögel Schlafplätze in den Bäumen an einem der vielen Wasserläufe.

Bollywoods Entertainment-Eliten waren die ersten, die sich hier Zweitwohnsitze leisteten. Sie kamen mit Film-Crews – die in Goas Tropen-Landschaft immer irgendwo drehen –, und blieben nur zu gern für ein Wochenende und mehr. Nirgendwo sonst in Indien gibt es eine vergleichbare touristische Infrastruktur, in die man sich fröhlich feiernd fallenlassen kann. Im Bikini im Nachtclub unter Sternen tanzen, in Strandbars das sonntägliche Sehen und Gesehen werden der „foreigners“ mitmachen, relaxen, sich kosmopolitisch fühlen und gleichzeitig demonstrieren: Ich bin ein erfolgreicher Inder und stolz darauf. Das zog Nachahmer an. Inzwischen sind einige der schlichten Beach Huts teuren Strandresorts gewichen, das Restaurantangebot ist ausgesucht und vielfältiger, das Shopping weiterhin bunt, aber weniger pittoresk.

Man muss wissen: Vor 20 Jahren erschien die Vorstellung, sich in Goa ein Croissant kaufen zu können, in etwa so realistisch wie der Marsflug. Heute und vor allem seit dem Aufstieg Goas zum Palm Beach Indiens bleiben die meisten Top-Gastronomien sogar in der Monsun-Zeit geöffnet. Nicht selten gehören sie den gebliebenen Westlern, die sich nach ihrer Hippie-Phase wirtschaftlich etabliert haben. Das „Sublime“ in Assagao, dem „Beverly Hills“ von Goa, betreibt der Deutsch-Goaner Chris; das legendäre „La Plage“ in Ashwem gehört Franzosen, die in Goa wirklich jeder kennt. Bei „Coco’s Thai“ in Assagao steht eine Thailänderin am Herd, in den besten Sushi- und Terriyaki-Lokalen in Anjuna sind es Japaner, wo die unfassbar leckere Eisdiele „Mr. Gelato“ einem Italiener gehört. Und bis 2020 und der Pandemie bereitete in der „Villa Blanche“ die Deutsche Yogini das beste europäische Health-Frühstück und Backwaren zu. Ein weiterer Ort, der jetzt verkauft und somit Teil der „ever changing goa history“ ist.

Kali lebt weiter.




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