Ginger liest: Im Reich der Pubertiere

Jan Weiler kennen Bücherfreunde seit seinem Erfolgsroman „Maria, ihm schmeckt’s nicht“, der die Herausforderungen einer deutsch-italienischen Beziehung auf humorige, charmante und leichtfüßige Art thematisierte. Seit diesem Debüt hat der Autor und ehemalige SZ-Magazin-Chefredakteur 6 weitere Romane verfasst.

„Das Pubertier“ warf 2014 ein erstes Licht in den (so oder so ähnlich in der Realität „funktionierenden“) weilerschen Familienalltag. Es zeigt am Beispiel der fiktiven Teenagertochter „Clara“, wie es sich unter dem alles verändernden Einfluss der berüchtigten Pubertätsdemenz lebt. Diese oft, aber leider nicht immer kurzzeitige Phase im Leben jedes Heranwachsenden, deren auffälligste Merkmale u. a. schwere Mangelerscheinungen in punkto Sozialkompetenz, wahlweise dauergeschlossene oder zugeworfene Türen, erhöhte Fahrbereitschaften des elterlichen Dienstpersonals, Dauerbelegung des Badezimmers, exzessives Augenverdrehen, Pickelcreme-Arsenale, Fremdschäm-Attacken und Meckertiraden sind.

Worum geht’s?

„Im Reich der Pubertiere“ hat es Jan Weiler inzwischen mit einer anspruchsvolleren Versuchsanordnung zu tun: Die Pubertierherde ist gewachsen. Sohn „Nick“ ist altersmäßig nachgezogen und bringt an der Front zwischen Erziehungsberechtigten (aka Versuchsleiter im Pubertierlabor) und Teenagern nebst anderen Charakteristika vor allem interessante neue Duftnoten ein (ich tippe auf „Puma-Käfig“, „Haartalg“, Essenreste und  Ganzkörper-versprühtem AXE).

Weilers Kernerkenntnis: „Als Autorität bin ich ein Witz.“

Die wichtigsten Aussagen in Kürze

Chill dein Leben, würden Clara und Nick sagen. Kenne ich so im Wortlaut von meinem Sohn, der ungefähr in Claras Alter ist. Mache ich natürlich, so weit es geht, ohne dass mein Kind sich an seiner langen Leine verheddert. Und ich empfehle Eltern von Pubertieren, was auch Weiler für das passende Reaktionsverhalten hält: Widerstand ist zwecklos. Chillt euer Leben.

Wer denkt, das sollte „entspann Dich mal“ oder „nimm’s locker“ heißen, entlarvt sich übrigens als hoffnungslos steinalt, also mindestens über 25. Und als solcher der Jugendsprache somit so weit entwachsen, dass jeder Versuch, sie nachzumachen, in besagtem Augendrehen und Fremdschämen münden wird. So nachzulesen im Kapitel „Krasse Sugillation“, in dem Weiler erklärt, wie man sich durch wenige Worte „mit Lichtgeschwindigkeit auf den Olymp der Peinlichkeit“ schießt.

Der aber wichtigste Teil dieser 27 amüsanten, kolumnenhaft unterhaltenden Beobachtungen aus Weilers Pubertierversuchslabor ist das Nachwort. Eltern, die vielleicht nicht wirklich optimal mit der Teenager-Situation daheim klarkommen, nimmt der Autor hier verständnisvoll erklärend an die Hand. Und erinnert zugleich daran, dass die Herausforderungen dieser Transformation alle  Beteiligten betreffen – also auch die Jugendlichen an die eigenen Grenzen und die ihrer Leidensfähigkeit schleift.

Warum solltet ihr das Buch lesen?

Wenn ihr Eltern seid: Um euch weniger allein zu fühlen – und um mit mehr Humor auf Erzieher-Seite dieselbe Situation zu wuppen, die ihr früher selbst überlebt habt. Jeder erinnert sich an die Unsicherheiten und manchmal auch verzweifelten Momente der Pubertät. Wer diesen BLick zurück schärft, wird die nötige Abnabelungsphase der eigenen Kinder besser und mit mehr Empathie durchstehen. Und hält mit besagter langen Leine und Vertrauen die emotionale Tür zum Nachwuchs vielleicht weiter offen, als es Strafen, Kontrolle und mangelnder Respekt vor den Jugendlichen tun werden.

Wenn ihr Jugendliche seid, dann hat mein Sohn die Argumente für euch:

„Ich finde, das Buch spiegelt voll das Leben der Jugendlichen wider. Diese Sache mit dem nachts Abholen, oder wenn Eltern peinlich werden, weil sie unsere Sprache sprechen wollen, ist alles genau so. Mich würde interessieren, erzählt er da wirklich, was er selber erlebt hat? Hat der sich wirklich betrunken auf dieser Abifeier? Voll lustig, wie er seine Rolle erzählt.

Das Buch ist für Eltern und Jugendliche, die nicht so die totalen Streber sind – also die so gut wie kein eigenes Leben führen, die immer alles richtig machen.

Obwohl, vielleicht fänden die das auch ganz lustig zu sehen, wie die Eltern versuchen, in Kontakt zu bleiben, ohne dass es klappt. Der Vater im Buch kriegt grad noch so die Erlaubnis, zuzuhören, aber selber darf er nichts mehr sagen.

Die Durchschnitts-Jugendlichen sind auf jeden Fall gut dargestellt, sie liegen faul rum, wollen nichts mit den Eltern zu tun haben, wollen erwachsen wirken und sind immer noch Kinder.“

Das lustigste Zitat:

Oh, jeh, das ist schwer zu sagen, denn sehr viele dieser Sätze machen Spaß zu lesen. Weilers Humor trägt die Leser durch jede Pubertier-Verhaltens-Facette. Von Sex über Spicken in der Schule und Rasierschaum-Sharing bis zum Saftflaschen-Verräumen (oder eben dem Liegenlassen).

Daher gilt diese Buchstelle lediglich als exemplarisch:

Und nun also Ostern. Das Ende kam, als ich vorschlug, dass man bei schlechtem Wetter ja mal wieder drinnen die Eier suchen könne. Die Kinder sahen mich an, als wäre ich ein riesiger Eierkopf mit aufgemalten Schnurrbarthaaren. (…) Ostern kommt nun also in die Große Halle der vergangenen Leidenschaften, wahrscheinlich in den Gang 1 zu den Mythen und Sagen.

Über diesen Link gelangt ihr direkt auf die Verlagsseite und könnt das Buch dort als Hardcover oder eBook kaufen.


Jan Weiler, „Im Reich der Pubertiere“, mit Illustrationen von Till Hafenbrak, Hardcover, Kindler Verlag, 176 Seiten, 12 €




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