Cyber_Society

Ginger liest: „Cyberkrank!“

Wir leben ein Leben der Ablenkung. Hocken nonstop krumm und mit Schildkrötenhals vor digitalen Geräten und lassen uns berieseln. Im Sekundentakt fluten neue Bilder und Reize unseren mit virtuellem Junk-Food randvollen Geist.

Kinder sind schon im Vorschulalter „auf iPad“, Teenager mit ihrem Handy eins geworden, und niemand erinnert heutzutage noch eine einzige Telefonnummer. Verse aus Schillers „Glocke“ auswendig aufsagen? Fehlanzeige.

Überhaupt werden wir alle immer blöder und empathieloser, engagieren uns nur noch bei Ballerspielen und animieren uns per Cybersex. Wenn’s hochkommt. Vernünftige Gespräche, gepflegte Unterhaltung jenseits von Smalltalk? Kann keiner mehr.

Das jedenfalls ist der düstere Tenor des Hirnforschers Manfred Spitzer, dessen Buch „Cyberkrank!“ Anfang November erschienen ist und dessen apokalyptische Extremposition zwar nicht den Untergang des Gutenberg-Zeitalters prophezeit. Dafür aber das verdammte Netz für Übergewicht, Schulversagen, sozialen Rückzug, Einsamkeit, Krebs und Demenz verantwortlich macht.

Schuld hat natürlich dieses Internet

Es war ja schon schlimm, als wir nur Fernsehen glotzten. Aber seit wir der Welt auf Facebook Gute Nacht sagen, Twitter uns beim Aufstehen schon mit den neuesten Krisen erschüttert und die erste Email vor dem Zähneputzen geschrieben ist, gehe alles den Bach runter.

Denn die Dauernutzung digitaler Medien führe laut Spitzer nicht nur zum (chronischen) Schlafmangel. Sondern in Folge auch zu einem erhöhten Risiko für bestimmte Krebserkrankungen sowie zu einem gesteigerten Unfallrisiko. Außerdem mache stundenlanges Surfen dumm und dusselig.

Diese Art von Aussage sowie der stets mahnende und warnende Ton machen die Lektüre des Buches zuweilen ein wenig zäh. Oder möchte der Autor das bewusst provozieren, um die Brisanz zu verdeutlichen? Das ist dramaturgisch vielleicht ein wenig schlicht – vor allem, weil viele seiner Erkenntnisse und Thesen auf wenig Neues hinauslaufen.

Keine neuen Erkenntnisse

Denn überraschen kann uns die Tatsache, dass eine 24/7-Berieselung zutiefst ungesund ist, 2015 nicht mehr wirklich. Und niemand wird ernsthaft bestreiten, dass viele Menschen diesbezüglich Hilfe und alle ganz sicher mehr Abwechslung benötigen.

Jeder mit klarem Verstand stimmt längst zu, dass „Fernwärme“ aus dem Netz, der Zuspruch aus den sozialen Medien zwar angenehm sein kann – echte Treffen, Gespräche mit Blickkontakt im sogenannten wirklichen Leben aber nicht ersetzen kann.

Toben und Turnen und Yoga leisten (nicht nur) für Kinder unvergleichlich mehr als ein paar kümmerliche Mausklicks. Na, wer hätte das gedacht?

Auch, und das gilt nicht nur für Manfred Spitzer, war es schon immer leichter, Zustände anzuprangern, als Vorschläge zur grundsätzlichen Verbesserung zu entwickeln.

Das Internet ist kein Schlaraffenland

 Ja, Daten werden abgeschöpft, Menschen manipuliert, und das Surfen kann nicht-stofflichen Suchtcharakter annehmen. Ganz eindeutig ist das Internet nicht das Paradies, das manche Enthusiasten in ihm sehen möchten. Und gewiss ist es ein Irrtum, das Netz als Allheilmittel gegen die Bildungsmisere zu preisen.

Allerdings: Je länger ich Cyberkrank! lese, noch einmal zurück blättere zu der herzzerreißenden Abbildung des Kleinkinds mit Tablet in der Patschehand, fühle ich mich plötzlich ertappt. Hinterfrage meinen eigenen Konsum noch etwas kritischer und nehme mir vor, heute nur noch schnell xy zu checken, dann aber bestimmt offline zu gehen …

Sind das erste Zeichen von Sucht? Den Umgang bewusst zu reglementieren, um sich zu beweisen, dass man noch die Kontrolle hat?

Oder haben wir die wirklich alle längst verloren? Um das Ausmaß des „Schadens“ zu prüfen, hilft eine kleine digitale Entgiftung. Fasten als Form des Verzichts war und ist DAS Mittel der Wahl, um den Geist zu stärken und den Körper zu entgiften.

Unsere Ginger-Tipps gegen den Digital-Wahn

  1. Schaltet eure Handys und alle anderen digitalen Geräte um 20 Uhr aus. Doch, ihr habt richtig gehört.
  2. Entwickelt eine gesunde Schlafroutine. Das Smartphone hat in eurem Schlafzimmer aka eurem Tempel nichts verloren.
  3. Lasst euch morgens von einem Wecker wecken. Ihr wisst schon, dieses altmodische Ding mit Zeigern.
  4. Tragt eine Armbanduhr. Oder auch keine. Uhren hängen nämlich überall.
  5. Löscht drei Social Media Apps auf eurem Telefon. Na gut, zwei.
  6. Macht im Urlaub eine Woche gemeinsam Digi-Pause. Und sprecht ohne zu werten darüber, wie sich das für jeden anfühlt.
  7. Seid euren Kindern ein Vorbild, und hängt nicht stundenlang hypnotisiert vor euren Geräten.
  8. Zeigt ihnen, wie eine Bücherei funktioniert. Quatscht ihnen bei der Auswahl der Bücher nicht rein. Lasst die Kinder entscheiden, was sie lesen möchten. Keine Angst vor Pferdebüchern, seichter Internatslektüre oder eigenartigen Baumeistern. Das Genre ist egal, der Geschmack wird sich noch ausprägen, versprochen.
  9. Hört erst mit den abendlichen Gutenacht-Geschichten auf, wenn eure Kinder euch darum bitten.
  10. Sind die Kinder älter, gilt: Bücher gehören nicht vom Taschengeld gekauft, denn: Bücher sind ein Grundnahrungsmittel.


Manfred Spitzer: „Cyberkrank! Wie das digitalisierte Leben unsere Gesundheit ruiniert“, Droemer Verlag, Hardcover, 432 Seiten, 22,99 €, ISBN: 978-3-426-27608-2





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