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Generation Planlos. Chillen nach dem Abitur

Es ist Sommer, und es hagelt. Zensuren und Zeugnisse, nämlich. Und vor allem Eltern raufen sich die Haare darüber, dass ihre frisch gebackenen Hochschulreifen für Wochen und Monate nach dem Abitur nicht aus dem Quark kommen. Stattdessen: Endloses Herumchillen, kein Plan, wohin die nächste Lern-Reise geht. Flucht in die digitale Entertainment-Welt, im Idealfall ein halbwegs verwertbares Gap Year im Aus- oder Inland. So sieht es heute in der Mehrzahl der Abiturienten-Haushalte aus, sofern die Recherchen der Wissenschaftsjournalistin Ulrike Bartholomäus als repräsentativ zutreffen. Davon ist auszugehen: Wieso sonst kaufen ihr Werk „Wozu nach den Sternen greifen, wenn man auch chillen kann?“ derart viele Menschen, dass es ein „Spiegel“-Bestseller wurde?! Und bereits die 3. Auflage erlebt?!

Was ist dein Problem?

Das Buch, angelegt als „Starthilfe nach dem Abitur“, beschreibt die „große Orientierungslosigkeit nach der Schule“, die junge Gymnasiasten erleben. Nicht, dass diesen Bruch nicht jede Abiturienten-Generation davor gekannt hätten. Das Herausfallen aus jahrelang selbstverständlichen Strukturen, verbunden mit der impliziten Aufforderung, nun selber den relevanten Schritt in die eigene Zukunft zu definieren – dieser Moment im Leben eines Jungerwachsenen war nie leicht. Heute aber hat das, was an Nebengeräuschen hineinspielt und diese Phase völlig neu definiert, nie dagewesene Komponenten und Aspekte. Früher war nämlich sehr wohl mal manches besser. Zwei der offenbar einflussreichsten Störfaktoren sind die Kommunikations-Digitalisierung der Jugend sowie die Verkürzung der Gymnasialzeit auf 8 Jahre.

Absorbiert von und süchtig nach „Kommunikationsgeräten“ wie Handys und Konsolen (die eher luxuriöse Vereinsamungs-Werkzeuge sind, wie sich herausgestellt hat), sehen sich die Kids mit 18 (!!) nicht imstande, für eine ultrakomplexe, wenig prognostizierbare Zukunft weitreichende Karriereentscheidungen zu treffen. Ganz ehrlich? Ich konnte das selbst mit 19 oder 20 noch nicht. Und das ist Dekaden her! Heute hingegen sollen das junge Menschen schaffen, die dank Helikopter-Eltern einerseits deutlich weniger selbstständig sind, andererseits aus viel mehr Studien- oder Ausbildungsangeboten das für sie Passende und Richtige herausfischen sollen. Für eine Zukunft, in der Digitalisierungs-Fortschritte manchen dieser Berufe überflüssig machen dürften. Ihr merkt es: In diesem Ansinnen steckt mehr als nur ein extremer Denkfehler. Und vom lebenslangen Lernen habe ich noch gar nicht angefangen.

Lies mal ein Buch!

Dieses Buch ist Nervennahrung für Eltern von Heranwachsenden, die nach der Schule nicht wissen, was sie wollen, was sie können und wer sie sind.

Stefan Klein, Autor

All das und viel mehr Insider-Wissen direkt aus den Pubertier-Höhlen hat ja zum Glück auch schon die Autorin Ulrike Bartholomäus erledigt. Deren Buch ich mal Pflichtlektüre nennen möchte, und zwar für …

… Eltern, die nach den knapp 300 unterhaltsam geschriebenen Seiten weniger aufgeregt und mit besserem Ansatz für mögliche Unterstützung mit der Situation nach dem Abitur umgehen können.

… Jugendliche in der Chill-Falle oder im Abi-Loch, die anhand der Lektüre verstehen, dass sie nicht allein mit diesem Problem dastehen. Und die von Bartholomäus‘ Anregungen vielleicht inspiriert und motiviert werden, die wilde weite Welt da draußen einfach mal auszuprobieren, weniger zögerlich zu sein. Wenn’s nicht gleich beim 1. Anlauf klappt – bricht sich niemand einen imaginären Zacken aus der imaginären Krone.

… Arbeitgeber. Die ganz besonders. Viele denken noch immer, dass die Kids sich halt mal gefälligst zusammenreißen sollten, und bieten ihnen dann same old stuff und same old Umgang an. Diese Kids sind aber anders als alle anderen vor ihnen. Wer darüber wenigstens ansatzweise informiert ist, kann auch seinen neuen Auszubildenden (denn nicht jeder Abiturient kann oder will direkt studieren) erfolgreich in sein Unternehmen integrieren.

… Lehrer, nicht zuletzt sie! Ja, das Bildungssystem ist tiefste 1950er Jahre und in seiner Verrostet- und Verstaubtheit längst nicht mehr geeignet, junge Menschen auf die Realität vorzubereiten Egal, ob die ein Studium oder eine Ausbildung anpeilen. Und nun kommt mein großes Aber: Aber man kann es ja zumindest versuchen. Wer versteht, wo die Kinder heute eigentlich stehen, mit welchen Einflüssen, Ängsten, Zerrbildern und Verunsicherungen sie als erste Generation überhaupt zu tun und zu kämpfen haben … ist klar im Vorteil. Und könnte sich ein Karma-Plus für den Rest des Lebens verschaffen.

Buchrezension_Abitur_Generation_ZUlrike Bartholomäus, „Wozu nach den Sternen greifen, wenn man auch chillen kann?“, 16,99 Euro, ISBN 978-3-8270-1388-0, erschienen im Berlin Verlag in der Piper Verlag GmbH




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