Verlaufen-im-urlaub

Ferien in Serie 7: Urlaub um die Ecke

Auch die Generation Y nimmt mal eine Auszeit vom Macha Latte im Mutti-Kiez. Im vorletzten Teil unserer Serie „Alternatives Reisen“ zeigt sie uns, wo es langgeht. Der Trend: get lost. Verlauft euch.

Leute, die an Laternenpfählen landen, gehören heute ja fast schon zum Straßenbild. Da alle flächendeckend Netz und die meisten irgendeine Daten-Flatrate haben, um 24/7 online zu sein – sind es viele auch. Der Blick straff ans Display geklebt, das Geschehen um sie herum könnte auf einem anderen Planeten abspulen, wanken die Menschen wie Bio-Roboter über die Bürgersteige. Laufen gegen andere, kollidieren mit Dingen.

Smartphones und deren Möglichkeiten haben auch das Reisen und Bewegen in fremdem Terrain dramatisch verändert. Oder seht ihr noch Leute mit Falk-Karten und Fragezeichen im Blick an Straßenecken stehen, um ein Hotel / eine Straße / ein Gebäude zu finden? Eben. Dafür hat ja jeder jede Menge Apps.

Durch deren Einfluss aber bleibt a) der Kick des Eroberns auf der Strecke, und b) laufen alle wie die Schafe durch dieselben von App und Portalen empfohlenen Touristen-Trampelpfade.

Gezieltes Verlaufen – aka Flanieren in der Fremde

Den Kick des Entdeckens soll’s ja aber im Urlaub gerade sein! Den ermöglicht die Wiederentdeckung des Flaneurs. Eines Menschen, der ohne Ziel das Fremde durchstreift und auf sich wirken lässt. Der vielleicht in irgend ein kleines Café am Wegesrand einkehrt und dort abwartet, was passiert. Statt in die von der Web-Community empfohlenen stets „besten“ Hot-Spots einzukehren und als 100.000er das zu erleben, was vor ihm schon … Ihr wisst schon, was gemeint ist.

Die Flaneur-Idee ist im 21. Jahrhundert angekommen, inzwischen Trend und macht daraus eine „Urban Safari“ – eine städtische Safari. Die Anleitung dazu kommt beispielsweise von Ellen Keith, die eine Gesellschaft der Flaneure ins Leben gerufen hat. Wer nach den Vorschlägen dieser Gesellschaft einen fremden Ort erkundet, folgt kreativen Ideen für das geplante Verlaufen. „Der Weg ist das Ziel“ als Reisemotto.

Das Ganze hat eine sehr spielerische Komponente. Man folgt Anweisungen wie: Begegnet dir ein Frau im Kleid, biege bei der nächsten Möglichkeit links ab. Gehe so lange weiter, bis du einen Briefkasten siehst. Steige danach an der erstbesten Gelegenheit in einen Bus und fahre 5 Stationen“.

Usw., usw.. Eigentlich leicht. Und durchaus lustig.

Neue eigene Verlaufen-Vorschläge sind in der Neo-Flaneur-Szene natürlich willkommen. Denn selbstverständlich hat sich die App-Welt des Trends bereits angenommen. Damit Safari-Lustige auch allen ihre Lost-Selfies zeigen können, Erfahrungen teilen – das Übliche halt.

Urlaubs-Plus:

Ein Hauch von Nostalgie ist dabei – das Flanieren ist wie ein Ausflug ins Reisen der vor-digitalen Zeit. Schon um einmal das Gefühl zu erleben, nicht jeden Moment alles kontrollieren, checken, connecten zu können, sondern die ganz individuelle Erfahrung auch einmal wieder (oder zum ersten Mal) zu spüren, ist diese Idee einen Versuch wert.

Und wer weiß: Vielleicht ergeben sich dabei sogar echte Abenteuer-Momente. Der Rausch von Selbstbestimmtheit in Zeiten der Digitalen Transparenz und Vollsteuerung ist sicher eine interessante Erfahrung. Und darum geht es doch im Urlaub – Dinge zu tun, die man sonst nicht tut.

Urlaubs-Minus:

Nicht erkennbar.

Ohne geht’s nicht:

Hm, tja, mal nachdenken … aus dem Haus gehen ohne Handy? Nein. Auf keinen Fall.

Oh doch! Es muss sein. Lasst es zur Abwechslung einfach im Hotel (oder im Bulli) und nehmt das aufregend Ungewohnte wahr. Trefft eigene Entscheidungen und gebt euch zur auch einmal dem Gefühl von „Ist das langweilig hier“ hin. Dass nicht an jeder Ecke des Lebens etwas Großartiges und Aufregendes steht, das sofort auf Facebook/Instagram/Snapchat zu etwas noch Größerem aufgeblasen und mit-geteilt wird, könnte für einige eine völlig neue Erkenntnis sein.

Und im Falle jeden Falles hat zur Rettung / Orientierung / zum Anruf bei Mutti ja immer noch jeder andere um euch herum ein Mobiltelefon in der Tasche.

 

Zwei Apps zum Ausprobieren wollen wir euch nicht vorenthalten:  Drift und Dérivé sind so etwas wie das Flaneur-Starter-Kit für Digital-Süchtige.

 




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