Demenz_NachHause_kunstanstifter

Die verlorene Erinnerung: Demenz

In einer immer älter werdenden Gesellschaft wächst ein Krankheitsbild in unseren Alltag, das in dieser Qualität und Menge keine Generation vorher auf einem vergleichbaren Niveau gefordert hat.

Bei jährlich zirka 300.000 Demenz-Neuerkrankungen verlieren immer mehr Familien einen oder mehrere Menschen aus ihrer Mitte an das Vergessen. An das Chaos im Kopf. Wie heiße ich? Wer bist Du? Wie funktioniert kauen, trinken, reden, laufen? Der Umgang mit demenzkranken Familienangehörigen ist eine Herausforderung, die nicht jeder meistert, aber geschultes Pflegepersonal steht den Betroffenen kaum ausreichend zur Verfügung.

Auch die Großmutter der Illustratorin Anna Gemmeke erkannte eines Tages ihre Familie nicht mehr. Fürchtete das Unbekannte hinter einst vertrauten Türen. Lebte ihre Ängste, ihre Verwirrung, ihre Verzweiflung, ihren Zorn 24 Stunden täglich. Anne Gemmeke nutzte ihre Kunst, um einen ganz eigenen Umgang mit dieser Veränderung zu finden. Und machte aus ihren Aufzeichnungen ein Bilderbuch für Erwachsene. „Das fremde Zimmer“ erzählt von den Auswirkungen der Demenz in Bleistiftzeichnungen und wenigen Worten, fragmentarisch und poetisch. Es ist jenen eine Hilfestellung, die eine Idee, eine Vorstellung dazu suchen, was in den Gehirnen und den Seelen ihrer sich und alles verlierenden Familienangehörigen vor sich gehen mag.

„Was soll ich denn jetzt tun? Dieses Zimmer ist nicht meins. Ich weiß gar nicht, wo ich schlafen soll, und ich habe auch nur ein Nachthemd …“

„Hier legen mir immer fremde Leute Wäsche in den Schrank und dann wieder weg. Ich kenne hier nichts, ich muss jetzt gehen.“

„Ich bin ja schon tot. Ich muss aber noch mit meinen Kindern sprechen, ihnen sagen, dass ich meinen Sarg brauche, bevor ich schlafen gehen kann.“

„Wo geht es zum Zug? Ich muss unbedingt nach Frankfurt.“

Sätze wie diese zu Gemmekes eindringlichen Illustrationen spiegeln den Verlust des linearen Denkens, das Dahinschmelzen von Zeit und Zusammenhängen. Von Sinn. Sie vermitteln bei aller vermeintlichen Flüchtigkeit des Dargestellten sehr intensiv den Gefühlsaufruhr, den diese ganz intimen Verluste auslösen. Und geben zugleich eine Ahnung von den Ansprüchen der Demenz an betroffene Angehörige. Welche Antworten soll man darauf geben? Ist es egal, was noch gesagt wird, wenn Minuten später alles wieder vergessen ist? Ist es vergessen? Was sollen wir nur tun? Warum wird es immer schlimmer?

Was ein Bilderbuch wie dieses leisten kann, liegt jenseits des Erklärens. „Das fremde Zimmer“ will keine Anleitung zum Alltag geben, aber es liefert starke Impulse an die Empathie. Wenn die Aufgabe des Pflegens, des Kümmerns, die Macht der Verantwortung übergroß zu werden scheinen, kann dieser anteilnehmende Einblick in die geistige Zerstörung wie eine mildernde Zäsur wirken. Opfer dieser Krankheit sind zuallererst jene, denen das Leben jeden Tag, jede Stunde, jede Minute weiter entgleitet. Aber auch die Pflegenden. Ihnen kann „Das fremde Zimmer“ ein emotionaler Rettungsring sein.

Titel_Das-Fremde_Zimmer„Das fremde Zimmer“, Hardcover mit Lesebändchen, Leineneinband, in zwei Sonderfarben gedruckt, 168 Seiten, 22 EUR. Ab 3. 3. 2015 im Verlag Kunstanstifter. ISBN: 978-3-942795

 

 

Anna Gemmeke, geb. 1983, lebt als Illustratorin, Zeichnerin, Grafik-Designerin in Köln. Sie studierte Kommunikationsdesign an der Folkwang Universität der Künste in Essen und Grafik/Druckgrafik an der Universität für angewandte Kunst in Wien. „Das fremde Zimmer“, ihr Debüt im Bereich der Buchillustration, wurde mit dem Hans-Meid-Stipendium für Buchgrafik und Buchillustration ausgezeichnet.




Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Mehr von diesem Autor

Möchtest Du uns lieben …

… und ehren, in guten wie in besseren Tagen?

Sag Ja zum Ginger Newsletter!

(natürlich geben wir deine Daten niemals an Dritte weiter)
Diese Einladung bitte nicht mehr anzeigen.
0