Flüchtlinge_Syrien

Die Deutschen verstehen etwas von Liebe

Diese Geschichte fand ich auf Facebook, verfasst von Georg E. Moeller aus Hamburg. Ich habe gelesen, Gänsehaut bekommen, mich gefreut, geweint. Und gedacht: Das, was dieser Mann für die Menschen, die es bis zu uns geschafft haben, getan hat, und die Botschaft dahinter möchte ich verbreiten helfen. Damit wir zur Nachahmung inspirieren – und damit unsere andere Seite in den Medien (zu denen GINGER gehört) Gesichter bekommt.

Georg, den ich persönlich nicht kenne, hat mir erlaubt, seinen Beitrag (unbearbeitet) hier zu veröffentlichen, Fotos inklusive. Ich sage: Danke. Und aus viel wichtigerem Grund sagen das auch viele neue Mitmenschen in Hamburg.

„Einfach machen, haben Stefanie und ich gesagt, wir machen das einfach. Wir reden mit den Menschen die dort in den Messehallen zusammengepfercht sind, und fragen nach 10 Kindern und den Eltern, die dazu gehören.

Und dann: Einfach mal rausfahren, dort um die Ecke, wo Hamburg zärtlich ist zu seinen Menschen, wo Seelen baumeln können und doofe Gedanken den Fluss runter treiben, wie Altholz.

Ein Telefonat versuchte uns zu bremsen. Wir wüssten ja nicht mal die Namen der Mitreisenden, und wegen der Kinder und so ginge das nicht so, da müssten wir Sachen ausfüllen. Wir wollten nix ausfüllen, wir wollten mit freien Menschen machen, was sie und was wir wollten, schon wegen der Kinder und so.

Stattdessen Garip angerufen, den Leiter des Elbecamp am Falkensteiner Ufer, mit einem Herz so groß wie der Schwedenstein, nur schmelzweicher. Der hat am selben Tag das Sommerfest in seinem Elbecamp, eine Veranstaltung, die dort jede Hand braucht. Egal, sagt er, jetzt geht es in ganz Hamburg und weit darüber hinaus darum, dass wir beweisen, dass wir nicht nur das Land der Dichter und Denker sind, sondern auch etwas von Liebe verstehen. Der Liebe, von der man sagt, dass man sie nur erhält, wenn man sie verschenkt. Wir kommen rum, Garip, wie viel zusätzliche Menschen wäre den OK? Zehn, zwanzig kriegen wir hin, sagt er, und wenn’s es mehr werden, werden es mehr.

Am nächsten Tag: Einmal um die Halle rumgehen, da auf der Treppe, wo die Menschen sind. Und die Familien gefragt, die wir schon kannten von den Abenden davor. Den Abenden, wo viele Bewohner traurig und enttäuscht um bessere, ja menschenwürdige Bedingungen gebeten hatten. Und wenn wir nachgefragt haben, am nächsten Tag, nix besser geworden war.

Klar wollten sie mit an den unbekannten Elbstrand, ins unbekannte Elbecamp. Und das war mutig, denn Camp verbindet hier niemand mit Urlaub. Aber wir hatten gesagt, es wäre dort fein, dann würden sie es eben mal ausprobieren. Allerdings könnten drei Mütter mit Kleinstkindern nicht mitkommen, zu heiß für die kleinen Babies, und einen Kinderwagen hat hier niemand. Niemand hat hier was nicht???

Die Kleiderkammer in der Messehalle B5, die von den besten Hamburgern der Welt permanent und zunehmend vollgefüllt wird mit Liebe und Geteiltem, mit tollen Sachen. u.a. eben auch mit Kinderwagen mit Sonnenschutz. Reingegangen, gefragt, wer die Mütze aufhat: Können wir? Klar können wir. Danke Mützenmänner. Das hat genau dreieinhalb Minuten gebraucht.

Dann Hiobsbotschaft. Stefanie kann nicht mitkommen. Fällt nun das „einfach machen“ aus?

Kein Stück, Omar und Hussein, die Übersetzer, sagen, wir schaffen das. Dann kommt Stefanie halt beim nächsten Mal mit.

Auf los geht’s los. U2 bis Schlump, dann U3 bis Sternschanze, vorbei an Mustafa Zeybeks Obstwagen, Blaubeeren und Melonen mitnehmen, S 31 bis Altona, ab in die S11 bis Blankenese, dann in den 189er Richtung Rissen. Kriegen wir alle mit? Sind 13 Kinder und 23 Eltern und Elternteile plus 3 Kinderwagen nicht vielleicht zuviel für so einen Vorortbus? Am Ende gehen alle rein, die Studenten, der Juwelier, der Barbier, der ehemalige Autohausbesitzer, die beiden Gastronomen, die Kindergärtnerin, die Mechaniker und all diese Biografien, von denen jede mehr Kummer erlebt hat als die meisten von uns zusammen.

Als wir die Endmoräne in Rissen runter an die Elbe laufen, erzählt Omar. Von ihrer Odysee durch den Libanon, durch die Türkei, mit dem Boot, das er „NoBoat“ nennt, nach Griechenland. Ihre Irrfahrt durch ein chaotisches Mazedonien und die unfreundliche Reise in einem unfreundlichen Ungarn. Dort hätte es so ähnlich ausgesehen wie hier. Dort sind sie neun Stunden am Stück gelaufen, erzählt er. Zum Jammern hätte keiner Zeit gehabt.

Ich denke, uiuiui, hoffentlich hab ich jetzt nicht doofe Erinnerungen freigekratzt, und dann fahren wir auch noch ans Wasser.

Ich sollte mich täuschen.

Es wird ein großartiger Nachmittag, mit kleiner Gesichtern voller großem Glück, Gesichtern, die ich nicht vergessen werde.

Der vorsätzliche Gutmensch Garip reagiert auf 37 hungrige Mehrmenschen mit einem lächelnden Achselzucken. Sofort sind noch mehr Pommes und noch mehr Limo da, sind 18 Handtücher in den Wohnwagen gesammelt, eine Riesendecke von HulahoupSabine, vier Kinderbadehosen mit Seepferdchenabzeichen, die heute nur schmücken und nix beweisen.

Kinder_Spielen_Elbecamp

Kinder vom Platz schleppen Volleybälle, Bocciakugeln und Frisbeescheiben ran, Kinder brauchen keine Sprache, Kinder brauchen Frieden.

Den Rest habe ich versucht, in Bildern einzufangen. Geh gucken.

VolleyBall_Elbecamp

Was für ein Tag, was für eine Begegnung. Das kann jeder von uns und es ist eine einzigartige Chance, diese Welt und dieses Leben zu verstehen.

Und andere zu animieren, es auch zu versuchen. So wie die junge Frau, die auf der Rückfahrt im Bus mit uns steht und offensichtlich versteht, als wir uns darüber unterhalten, wie man Vorurteile abmildern kann.

Beim Einsteigen in die S-Bahn Richtung Altona, werden wir blöderweise in zwei Gruppen getrennt. Die müssen in Altona aussteigen. Altona, das die meisten der Ausflügler nicht lesen können, weil sie unsere Zeichen noch nicht kennen, wird zu keinem Problem, weil genau diese Frau, wie sie nachher sagt, durch unsere Unterhaltung angeregt wurde, einfach mal zu helfen und bei den Refugees zu bleiben, bis auch wir Nachzügler da sind.

Ich weiß nicht, wie sie heißt, und vermutlich werden wir uns auch nie wieder sehen, aber die Hoffnung, die sie erzeugt hat, ist nicht mehr wegzudebattieren.

Einfach machen geht. Einfach machen kann jede/r.

Am Ende muss ich vor den Messehallen 36mal aushalten, gedrückt zu werden und reichlich Küsse einzufangen, smacksmack, links rechts; ohne Vorwarnung, von Frauen, Männern, Kindern. Bei den Kids muss ich auf die Knie, damit auch die Zweijährigen zulangen können. Es gibt schlimmere Momente.

Auf dem Nachhauseweg von diesem ganz besondern Tag befällt mich ein Gedanke: Ihr verdammten Ewiggestrigen, ihr Hassbacken, ihr Neomenschenfeinde: Niemand wird euch je umarmen und euch schenken, was aus Menschen Menschen macht.“

Überall in Deutschland werden sehr viele neue Menschen hoffentlich eine neue und sichere Heimat finden. Ob für lang oder kurz, das wissen sie so wenig wie alle anderen. Was wir wissen ist: Wir haben Glück, dass es uns gut geht. Dass die Waffen nicht hier sprechen und uns zwingen, die Flucht anzutreten. Auf die Unterstützung anderer zu hoffen. Wir haben viel zu geben. Aber vor allem ist es Liebe, die diese Menschen brauchen. Alles andere findet sich in ihrem Kielwasser.




    • Alke von Kruszynski

      Hallo, Benni, der Verfasser ist kein Autor, vielleicht magst Du deshalb seine Art des Schreibens nicht. Um Stilfragen ging es mir zugegeben wenig bei der Entscheidung, seine Geschichte zu teilen. Ich hoffe, andere Beiträge auf Ginger sprechen Dich eher an – wir sind thematisch so weit aufgestellt, da ist hoffentlich für Deinen Geschmack etwas dabei.


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