Shake it off! „Alte“ auf die Tanzfläche!

In den letzten Wochen beschäftigt mich das Altern, älter sein oder werden. Dabei geht es nicht (nur) um die physischen Konsequenzen. Sondern weiter gefasst um das Alter als Gesellschaftsthema.

Madonnas Bühnensturz im Februar bei den Brit Awards 2015 hat das Nachdenken ausgelöst. Ihr Cape-Kostüm war zu fest geschnürt, als die Tänzer es der Pop-Pionierin laut Choreographie vom Körper reißen sollten. Nicht das Cape, die Künstlerin (auf hohen Schuhen) fiel rückwärts von einer Treppenbühne, landete hart auf Rücken und Schultern. Stand auf und beendete ihre Show mit Grandezza, Professionalität und einer guten Portion Humor.

Doch weil der Mensch ist, wie er ist, also auch gern böse, hagelte es einmal quer durchs Internet neben vielen unterstützenden Äußerungen jede Menge Spott. Plötzlich war Madonnas Alter auffallend wichtig. Als könne die Tänzerin mit Mitte 50 keinen Fuß mehr sauber vor den anderen setzen. Das Bashing erreichte Höhepunkte mit Memes, die Madonna in einen Treppenlift verfrachteten oder den Sturz zum selbst gemachten Stunt „im hohen Alter“ (aka 56 Jahren) machten. Englands Krawallzeitung „Daily Mail“ nannte sie in einem Artikel „poor old Madge“.

Wie bitte?

Jetzt kommt mal runter: Mit 56 ist niemand mehr alt. Und die Queen of Pop schon gar nicht. Im Gegenteil. Dank ihrer unglaublich disziplinierten Yoga– und Fitness-Routine dürfte sie jeden ihrer Spötter älter aussehen lassen, als er ist. So gesund, wie sie lebt, hat die Künstlerin mit Blick auf die demographische Entwicklung und Statistiken problemlos noch drei bis vier Jahrzehnte Schaffenskraft vor sich. Schließlich ist sie eine leidenschaftliche Tänzerin.

Und wer tanzt, dem droht geistig kein Substanzverlust.

Disco statt Demenz!

Bewiesen hat das eine über 21 Jahre angelegte, in den 1980ern gestartete Studie des New Yorker Albert Einstein College of Medicine. Regelmäßiges Tanzen hält ältere Menschen körperlich und besonders geistig gesund! Als einzige getestete Bewegungsform wirkt es gegen Demenzerkrankungen, Alzheimer inklusive. Radfahren, Golf und Schwimmen zeigten im Vergleich keinerlei verbessernde Wirkung. Sogar das Trainieren allein der geistigen Beweglichkeit, etwa durch viel Lesen und Kreuzworträtsellösen, hatte einen deutlich niedrigeren Effekt auf die Demenz-Prävention.

Tanzen, vor allem das soziale Freestyle-Tanzen, pusht das Gehirn nämlich auf vielfache Weise. Motorik, die Fähigkeit zu spontanen Entscheidungen, aber durch die angeregte Bewegung auch das kardiovaskuläre System, sprich: die Durchblutung profitieren vom Tanz. Und je öfter das Bein im Rhythmus schwingt, desto besser. Die Studie wies nach, dass jeder Reiz – ob Rätsellösen, Lesen, Tanzen – das Gehirn umso effektiver stimuliert, je häufiger er erfolgt. Mehr ist in der Disco also definitiv mehr.

Leider bietet der Freizeitkatalog der Unberühmten und Nicht-Popstars da wenig Passendes. Im Gegenteil. Als wir eines Tages alle 40 wurden, fragte eine Freundin rhetorisch in die Damenrunde: Was machen die eigentlich mit uns, wenn wir 50 werden? Sperren die uns dann in irgendwelche Lager, damit sie uns nicht mehr sehen müssen?

So arg ist es erfreulicher Weise nicht gekommen. Aber ältere Mitbürger haben viele No-go-Zonen. Zum Beispiel, wenn sie gern tanzen und in der Großstadt wohnen.

Im Club herrscht Jugendwahn. Noch.

Die Clublandschaft der großen Städte Deutschlands bietet im Prinzip nur Menschen zwischen 18 und Anfang 30 eine attraktive Tanzabendkultur. Wer sich mit 40+ oder, Gott bewahre: 50+ in hippe Tanztempel traut, muss das vorhersehbare „Methusalem ist auch da“-Getuschel aushalten können. Oder einfach nur das dringende Gefühl, am komplett verkehrten Ort zu sein. Hunderte junge Gesichtsausdrücke können nicht irren.

In Hamburg, Berlin, München wird streng nach Generations-Schubladen getrennt gefeiert (Ausnahme: Boris Becker und Ex-Fußballstars). Hier die aktuelle Musik in angesagten Locations. Dort der Ball der einsamen Herzen. Höchstens noch in der Provinz torkeln in seltener Samstagnacht alle Altersgruppen beim Feuerwehrball, Osterfeuer oder Erntedankfest o. ä. durcheinander.

Die wenigen Metropolen-Bewohner, die sich in fortgeschrittenem Alter noch auf öffentliche Tanzflächen trauen, sehen sich verbannt in halbwegs faltenfreundlich beleuchtete Ü-Irgendwas-Reservate. Dort werden sie dann so lange mit staubigen Discofoxkamellen beschallt, bis sie sich den Ort, den Abend, die Gäste verzweifelt schöntrinken. Oder – die gesündere Variante – sie ihren Anfall von Tanzlust noch einmal mit der Realität abgleichen und auf dem Absatz kehrt machen.

Anders sieht es in, sagen wir: Kuba aus. Die Discotheken Havannas werden an den Wochenenden von Menschen zwischen 5 und 95 gleichermaßen bevölkert (ein inspirierendes Ambiente!). Auch in anderen Ländern ist man weniger Vergnügungs-stalinistisch. Aber sowas lassen wir höchstens für die Urlaubs-Auszeit zu.

Aber die Deutschen bekommen zu wenig Nachwuchs, unsere Gesellschaft wird täglich älter. Ältere sind also schon bald überall in der Übermacht. Weshalb ich an dieser Stelle für ein allgemeines Umdenken in der nächtlichen Freizeitgestaltung plädiere.

Wäre es nicht viel moderner, die restriktive Jugendwahn-Ausgeh-Kultur aufzugeben für mehr Tanzclubs für Jedermann, ohne Ausgrenzung und Vorurteile und zu zivilen Zeiten? Motto: Free your mind, and the rest will follow … So ab 21, 22 Uhr abends wäre okay für mich. Die Jüngeren können ja später nachkommen. Oldie-Goldie-Musikfoltern wären nicht gestattet, statt dessen wechseln wie bei Kubas Tänzern Stile und Tempi ab, so dass jeder mal Pause machen kann. Fürs Nase pudern, Luft holen, Flirten und so weiter.

Der Spaß für alle wäre garantiert enorm. Aber auch der Nutzen: Nachwachsende Generationen müssten eines Tages mit viel weniger Aufwand jene Menschen betreuen, die beim Rumsitzen langsam den Verstand verlieren …

 

Und wo und mit wem und zu welchen Lieblings-Songs tanzt ihr?

 

 

 




  1. Tine Habicht

    Herrlich geschrieben 🙂 !!! Ich bin inzwischen 47 Jahre und tanze schon sehr lange Salsa – und: ich habe keinerlei Probleme, mich an den Wochenenden auf die Tanzfläche zu stürzen …. meine gleichaltrigen Freude/innen übrigens auch nicht – sogar mit deutlich jüngeren Tanzpartnern. Das scheint vielleicht aber auch mit der speziellen ‚Szene‘ zusammenzuhängen ….


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