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5 x time to say goodbye: Wenn die Freundschaft stirbt

Ein Privileg des Älterwerdens ist das souveräne Beenden von Freundschaften, die keine (mehr) sind. Vielleicht waren sie es einmal – vielleicht aber hat man das wahre Verhältnis auch nicht klar gesehen. Und möglicherweise hat man eher bestimmte Gemeinsamkeiten geteilt, die inzwischen an Bedeutung verloren haben.

Fakt ist: Fühlt es sich nicht mehr wie Freundschaft an, unternimmt man in reiferem Alter eher etwas, als man es in jüngeren Jahren getan hätte.

Ich lege großen Wert auf die Pflege meiner Freundschaften und halte mich für einen Menschen mit viel Toleranz, Geduld und Belastbarkeit. Dennoch kam es – wie in jedem Leben – zu Situationen mit anderen, die mir gezeigt haben: Uns verbindet keine echte Freundschaft.

Ich meine hier nicht diese Teenie-Freundschafts-Fails à la: Sie kopiert ständig meinen Style, sie schläft mit meinen Exfreunden, sie redet permanent über andere (also sicher auch über mich). Sondern es geht vielmehr um gewachsene Freundschaften, die sich irgendwann nicht mehr „richtig“ anfühlen.

Manchmal ist es in diesen eher zur Gewohnheit geworden, Eigenarten hinzunehmen, die man im Prinzip gar nicht toll findet. Bei sehr alten Freundschaften dulden wir „Macken“ oft deutlich länger, tolerieren wir mehr, als wir neuen Bekannten je zugestehen würden.

Darum sind es eher ältere Weggefährten, die ich aus meinem Leben verabschiedet habe. Manchen kündige ich deutlich, die meisten verlasse ich in schweigender Trauer: Das sind Beziehungen, die einschlafen, nachdem es einen verletzenden Vorfall gab, der sich so oder ähnlich wie ein Muster durch unsere gemeinsame Zeit wiederholt hatte.

Wie erkennt man aber an vermeintlich „schlechten“ Freunden, dass es nicht bloß die eigenen Erwartungen an andere sind, die der oder die andere nicht erfüllt hat? Die nämlich sind kein Maß für echte Freundschaft. Sondern eher ein Hindernis: Akzeptiere ich andere nur, wenn sie meinen Vorstellungen von Entgegenkommen genügen, wenn sie meinen Bedarf an Zeit und Aufmerksamkeit erfüllen, dann bin ich selber keine gute Freundin. Sondern stelle Regeln auf, an die andere sich halten sollen.

Dabei ist es ja gerade der besondere Charakter anderer, der für den Beginn und die Intensität einer Freundschaft so reizvoll ist. So inspirierend. So selten.

Nein, meine Störfaktoren bei Freundschaften sind andere. An 5 Merkmalen erkenne ich, dass ein Adieu der bessere Freundschaftsdienst an mir selbst ist.

Chronisches Hängenlassen

Eine ehemalige langjährige Freundin von mir hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, jede Zu- oder Absage zu meinen Festen bis zum letzten Moment hinauszuzögern. Ihre Erklärung: Sie wisse ja nicht, wie sie sich an dem Tag fühle. Da sie ein komplizierter und launischer Mensch ist, habe ich sie gewähren lassen. Bis zu dem Tag, als sie ihre Zusage zu meinem runden Geburtstag ignorierte, weder gratulierte noch absagte oder spät auftauchte, auf Nachfrage auch keine Erklärung gab.

Ich weiß, sie ist ein konfliktscheuer Mensch. Sie hatte es vielleicht nicht einmal beabsichtigt, mich mit ihrer Ignoranz zu verletzen. Aber ihr Handeln hat mich verletzt, wieder und wieder; ein bisschen steckt in so einer Haltung auch die Vorstellung, es könne sich ja noch ein besserer Zeitvertreib ergeben, als zu mir zu kommen. Ich bin also nur bedingt ihre Zeit wert. Freundschaft sieht anders aus.

Am Ende war mir mein emotionaler Haushalt mehr wert als unsere seltene gemeinsame Zeit. Ich habe innerlich gegen sie entschieden – und seitdem interessanterweise nie mehr einen Pieps von ihr gehört.

Es mag in Einzelfällen ein Zeichen besonderen Vertrauens sein, dass ein Freund einem permanent die Verabredungen absagt. Manchmal fühlt man sich verpflichtet, ein Date wahrzunehmen, ohne es im tiefsten Herzen eigentlich zu wollen. Bei mir aber darf man das, weil ich mehr oder länger Verständnis dafür aufbringe als manch andere. Deshalb sind kurzfristige Absagen in der Regel kein Grund, gleich eine Freundschaft zu lösen.

Wird daraus jedoch ein anhaltendes Phänomen, ein Muster, darf ich durchaus nachfragen, ob dem anderen die Verabredungen mit mir eigentlich etwas bedeuten. Überzeugen die Erklärungen dann nicht, fühle ich mich eher hingehalten als wertgeschätzt: Dann kommt diese „Freundschaft“ definitiv auf den Prüfstand.

Mein Tipp: Fragt euch, was euch an solchen Menschen hält und ob sie euch begeistern. Ist das der Fall – lasst ihn sein, wie er ist. Habt ihr dagegen das Gefühl, dass die Freundschaft einer Einbahnstraße ähnelt, könnt ihr sie genauso gut lösen. (Das gilt übrigens für jede Freundschaft, die sich nicht mehr von Herzen kommend anfühlt.)

Der andere hat dann ja immer noch die Chance, euch zurück zu erobern. Passiert nichts dergleichen, war eure Entscheidung offenbar überfällig und richtig.

Sei mein Clacquer: Der Freund als Publikum

Ich hatte früher ein Faible für schillernde Persönlichkeiten, die sich nicht immer an gesellschaftliche Konventionen halten. Sie sind unterhaltsamer und inspirierender als andere, aber oft auch anstrengender.

Typ A dieser Sorte Mensch ist ein Narziss oder zumindest ein Egozentriker. Typ B dagegen ist eher ein natürlicher Wildfang, ein heiterer Nonkonformist, dem es aber nicht an Empathie für andere mangelt. Letztere sind weitgehend in meinem Orbit geblieben. Die A-Liga jedoch habe ich nach und nach verabschiedet.

Denn deren Muster sieht vor, dass Freunde vor allem Publikum sind. Eine andere Rolle ist für sie nicht vorgesehen. Diesen Typ erkennt ihr daran, dass eure Story, eure Erlebnisse nur wenig Raum in eurer Beziehung finden. Dagegen geht stets sehr viel Zeit drauf, die Irrungen und Wirrungen im Leben des Typ-A-Menschen zu besprechen.

Mein traurigstes Beispiel für solche Spezialfälle war eine Freundin, die nach dem überraschend frühen Tod meiner Mutter anrief, fragte, wie es mir gehe – um beim Stichwort „Einsamkeit“ loszulegen: „Oh, das kann ich gut nachfühlen“. Statt sich für mein Ausnahmegefühl zu interessieren und Anteilnahme zu beweisen, hechelte sie dann zum x-ten Male die ewig gleiche und tausendfach kommentierte Geschichte von ihrem untreuen Partner durch.

Ich war sprachlos, hörte mir das noch kurz an, fassungslos über soviel Einschlagsbefreitheit … und habe aufgelegt. Wortwörtlich und im übertragenen Sinn. Eine spätere zweite Chance vergeigte sie dann mit demselben Verhalten erneut: Manchmal ist der Mensch vielleicht liebenswert, aber seine Muster sind leider einfach nicht auszuhalten.

Nie Zeit – aber laut Social Media permanent unterwegs

„Du, ich bin so im Stress, ich habe zwischen Arbeit und Arbeit kaum Zeit, Luft zu holen!“ Den Satz habe ich mir von 2 Freunden so oder ähnlich eine Zeitlang angehört – und immer mal wieder verglichen, was bei denen auf Facebook so passiert. Konzerte, Wochenendtrips, Essengehen: Findet offenbar statt. Allerdings mit anderen.

So ein Verhalten ist verletzend, kein Zweifel. Es kann natürlich auch sein, dass diese anderen Freunde im Moment ganz einfach mehr Gemeinsamkeiten mit deiner Freundin/dem Freund haben als du. Sie ist Single, du bist inzwischen Mutter. Sie steht grad auf Party für die Work-Life-Balance, du interessierst dich neuerdings für Achtsamkeits-Seminare.

In solchen Fällen spricht man das Auseinanderdriften am besten einmal an. Bleibt es grundsätzlich bei einem Freundschaftsgeständnis und fühlt ihr das auch als echt, dann akzeptiert, dass es solche Entfernungs-Phasen im Leben gibt. Manche Freundschaften machen Umwege, über die man wieder zueinander findet; ohne, dass das Gefühl füreinander dadurch weniger wird.

Fühlt ihr euch hingehalten und passiert auch nichts mehr, das euch zeigt: Der oder die andere ist für euch da, wenn ihr ihn oder sie wirklich braucht: Dann ist es okay, Lebewohl zu sagen. Und Platz für neue, inzwischen wohlmöglich passendere Beziehungen zu machen.

Sharing is not always caring

In den letzten 2, 3 Jahren habe ich einen völlig neuer Typ schlechter Freundin kennengelernt. Die, die in jeder Sekunde unseres Zusammenseins zum Smartphone greift, um ihre Aufmerksamkeit dorthin zu verlagern.

Neulich saß ich zum wiederholten Mal mit einer dieser Kandidatinnen am Tisch, wir waren zum Essen verabredet. Ihr Handy war das Zentrum ihrer Welt, mir hörte sie mit halbem Ohr zu, während sie permanent ins Display hackte.

Ja, ja, ich weiß: Social Media ist für viele eine Sucht. Aber das macht diese situative Ignoranz nicht weniger spürbar. Wenn ich ständig ausgeblendet werde, weil vielleicht, vielleicht etwas WAHNSINNIG WICHTIGES über den digitalen Äther rauscht, dann ist mir persönlich das irgendwann definitiv zu blöd. Und peinlich oberflächlich dazu.

Der Energie-Austausch stimmt nicht (mehr)

Ich bin diejenige, die einlädt. Die anruft. Die Vorschläge macht. Der oder die andere reagiert nur noch. Das kann ein Muster sein, das zur Persönlichkeit des anderen gehört. Dann gibt es keinen Grund für einen Abschied. Ist es eher gekoppelt an ein spürbar schwindendes Interesse – auch okay, es kommt vor, dass man für den anderen einfach nicht mehr interessant genug ist. Auch das muss man aushalten können.

Ich halte das aus und reagiere mit einem inneren Cut. Ich bleibe in solchen Fällen immer freundlich, aber eben keine Freundin mehr.

Zum Abschluss noch ein Hinweis: Jeder Mensch verändert sich, und manchmal passen die Lebensentwürfe und die Wendungen einfach nicht mehr zusammen. Dennoch bleibt jeder Abschied ein schmerzhafter Prozess, den ich mir gut und ehrlich mir selbst gegenüber überlege. Einen Freund, den ich einmal geliebt habe, werde ich so, wie ich ihn liebte, immer vermissen.

Nur, wenn der Abschied ein bisschen oder mehr schmerzt, kann ich sicher sein: Es war einmal eine Freundschaft.




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