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Warum Yoga im Fitnesstudio krank machen kann

Die schlechteste Yogastunde des Lebens muss man auch mal mitgemacht haben. Die Dankbarkeit gegenüber Lehrern und Lehrerinnen, die einen langen Weg der Ausbildung gegangen sind, um ihren Schülern einen gesunden Umgang mit dem körperlichen Yogaweg zu ermöglichen, steigert sich durch so eine Erfahrung nämlich um ein Vielfaches.

Mein Grottenyoga-Moment gab es für 15 € ohne Getränke im Monatt und hat mich – wie kaum anders erwartet, gebe ich zu – in einem Fitnessstudio bei mir um die Ecke erwischt: neu eröffnet, großes Angebot, sogar inklusive Frauensauna. Da bin ich dann mal eingetreten.

Als Lehrerin war ich leider nicht gefragt, da mein Yogastil nicht auf Fitness und Kalorienverbrennung ausgelegt ist. Bevorzugt sind dort so standardisierte, zertifizierte Kurse aus der Body-Fließband-Schmiede: von Pump über Attack und Combat bis Balance.

Schau ich mir an, dachte ich, und wartete dann zur angegeben Zeit mitsamt einer Horde Hausfrauen, Büroladies und eingestreut 2, 3 Männern darauf, dass zuerst die Zumbastunde ihre schwitzenden Teilnehmerinnen aus dem Saal entlässt.

Zu uns gesellte sich kurz vor Türöffnung ein junger Mann, der sich über das wie ein Statusaccessoire locker an seiner Hüfte hängende Headset als Trainer unserer Body-Balance-Einheit zu erkennen gab. Vielleicht Ende Zwanzig, stand er geziert lächelnd in unserer Traube der Willigen, grüßte geradezu huldvoll einige junge Frauen, die also wohl nicht zum ersten Mal kamen.

Die Tür ging endlich auf, Schweißgeruch und Frauen verließen den großen Raum, und während wir unsere Matten ausrollten, erklomm der Kleine Yogapascha seine Bühne. Von der herab er dann einen Mix aus Thai-Chi-, Yoga- und Pilates-Sequenzen versprach, der natürlich laut diesem One-Course-fits-all- Programm immer, immer, immer demselben Ablauf folge.

Ich schicke an dieser Stelle voraus, dass ich alle diese „Disziplinen“ mehr oder minder kenne und daher recht gut einordnen kann, ob sie überhaupt stattfinden, Sinn machen und ob sie halbwegs anständig integriert und ausgeführt werden.

Ich spule vor und komme direkt zum Yoga, weil sowohl das sogenannte Tai Chi („unser Warmup“) als auch das zu vernachlässigende Fitzelchen Pilates in diesem Gemischtwarenladen „Balance“ nicht wirklich weiter der Rede wert waren.

Und anders als durch den deutlich prominenteren Anteil „Yoga“ konnten die Teilnehmerinnen dieser Unterrichtsstunde daran nicht wirklich Schaden nehmen. Was allerdings der möglicherweise in einem Studio-Crashkurs „ausgebildete“ Unterrichtsleiter dort an Asanas (Yogapositionen) abspulte, möchte ich wirklich nicht unkommentiert lassen.

An dieser Stelle schiebe ich ein, dass ich meine ersten Yogajahre ebenfalls in einem Hamburger Studio verbracht habe: Meine die sogenannte Rishikesh-Reihe unterrichtende Lehrerin hatte allerdings mehrere Ernst zu nehmende Yogalehrer-Ausbildungen absolviert und wusste sehr genau, wo körperlich für ihre Schülerinnen das Ende der Fahnenstange lag. Sie gab Adjustements / Korrekturen, wo immer sie sah, dass sich jemand ungesund bewegte und so seinem Körper möglicherweise (bleibend) Schaden zufügt.

Denn was im Zuge des Yoga-Booms oft übersehen wird ist, dass die anspruchsvollen Positionen im Yoga nicht für jeden, der sich vom Hype motiviert auf die Matte begibt und mitmacht, im Moment geeignet sind. Oder ob sie einen beispielsweise ungeübten oder nicht völlig gesunden Körper nicht eher überbeanspruchen und ihm somit schaden.

Ein „Lehrer“ also, der eine Truppe wie die, von der ich hier berichte – fast durchgehend Frauen, die ganz offensichtlich wenig Sport treiben, aber sich endlich aufmachen, das zu ändern –, in diese Asanas bewegt, begibt sich auf gefährlich dünnes Eis.

Ich sah fast durchweg überdehnte Ellenbogen und Kniegelenke. Überdehnte Körper im Allgemeinen. Köpfe, die sich aus allen möglichen Positionen heraus ungesund in Richtung Bühne drehen mussten, um sie sehen, wie die Übung ausgeführt werden sollte. Der „Lehrer“ hielt sich nicht mit vorbereitenden Haltungen auf, um die ungeschmeidigen Hüften oder Rückenfaszien langsam auf anspruchsvollere Haltungen vorzubereiten. Sondern forderte gleich tiefe Positionen, von denen mindestens 90 % der Teilnehmerinnen sichtbar überfordert waren.

Sie zwangen sich natürlich trotzdem in Körperhaltungen, von denen sie annahmen, so müsse es wohl sein, wenn man Yoga macht. Und selbstredend blieb dem Lehrkörper beim Abspulen seines zertifizierten Programms keine Zeit, bei den rund 40, 45 Frauen dringend nötige Adjustements zu machen.

Kurz: Es war ein Elend.

Dessen schlimmstes aus meiner Sicht war und ist, dass diese Frauen glauben, das, was sie dort erlebten, sei Yoga. Und wenn sie dann in einigen Wochen und Monaten mit Rückenschmerzen, Sehnenschmerzen und anderen, eventuell gravierenderen Wehwehchen beim Orthopäden sitzen, werde sie dort zu Protokoll geben: Ich mache neuerdings Yoga. Worauf der Orthopäde sagen wird, was viele aus guten Gründen schon seit längerem sagen: Dann ist Yoga absolut nicht gut (für Sie)!

Und Recht haben sie. Denn dass der Zulauf an Patienten aus sogenannten Yogastunden die Ärzte zu dieser Haltung bewegt, ist nachvollziehbar und kein Wunder.

Falsch dagegen ist, dass Yoga der wahre Grund für solche körperlichen Probleme ist. Es sind vielmehr die Auslegungen durch unzureichend ausgebildete Lehrer. Es sind die Studios, die ihren Yogalehrern abverlangen, Fitness-orientierte, standardisierte Programme für möglichst viele Teilnehmer pro Kurs zu entwickeln und abzuspulen (was die Möglichkeit Richtung null schiebt, überhaupt korrigierend eingreifen zu können, wo nötig). „Schuld“ ist die Vermarktung von Yoga mit dem Ziel, aus jeder Unterrichtsstunde einen maximalen Umsatz zu machen.

Yoga wurde in seiner ursprünglichen Form von einem Lehrer einem Schüler vermittelt. Heute sind wir beim gegensätzlichen Extrem des „Unterreichts“ angekommen. Heute feiern sich deshalb Yogalehrer/lehrerinnen, auf dem Times Square oder sonstwo prominent sichtbar große Sonnengruß-Events abzuhalten, bei denen Hunderte durch anspruchsvolle Positionen hecheln, die ihren Körpern oft mehr abverlangen, als diese aktuell in der Lage sind, gesund mitzumachen.

Ich maße mir keineswegs an zu sagen, was Yoga ist oder sein kann. Doch das, was in diesem Studio wie in vielen, vielen weiteren dieser Machart als Yoga angeboten wird, ist es nicht. So weit hänge ich mich durchaus aus dem Fenster.

Liebe Yoga-Inspirierte: Macht euch selbst am besten ein Bild davon, wie achtsam Yoga in einem ausgewiesenen Yogastudio gelehrt werden kann – im Unterschied zu den standardisierten Yogaangeboten in den Fitness-Ketten. Und entscheidet erst dann, ob ihr Yoga weiter üben möchtet und welche der vielen verschiedenen Varianten die für euch und euren Körper die aktuell geeignete ist.

Und bitte, falls ihr davon Schaden getragen habt: Do not blame it on the yoga. Macht nicht das Yoga dafür verantwortlich. Sondern möglicherweise die Entscheidung, dafür möglichst wenig Geld auszugeben und es im Fitnessstudio für XX Euro all inclusive mitzumachen.


  1. Clemens

    Liebe Alke,

    Wie recht Du hast. Und dann auch wieder nicht. So pauschal alle Fitness-Studios zu verurteilen… I don’t know. Es gibt durchaus auch sehr gute und qualifizierte Lehrer in Fitness-Studios – deshalb wohl auch das ‚kann‘ in der Überschrift. Manchmal ist der Fitness Trainer, der schnell noch ein Wochenendkurs für Yoga besucht hat, aber die Anatomie seiner Pappenheimer beurteilen kann, besser als die Yoga-Lehrerin, die zwar hübsch ‚Om Shanti‘ singt, aber nicht weiß wo die Adduktoren sind. Denn – ja, leider – auch in ausgewiesenen Yoga-Studios ist die Qualität des Unterrichts manchmal nicht so, wie sie sein sollte.

    Aber ich teile Dein Leid. Da wollen sich die Leute mal was Gutes tun und pilgern in eine Yoga Klasse und am Ende haben sie Rückenschmerzen und Sehnenscheidenentzündung. Yoga-Lehrer zu sein ist halt trendy, bringt den Ausbildern Geld und so werden gerade Yoga-Lehrer produziert wie Frühstücksbrötchen.

    Was tun? Dem Yoga-Angebot in Fitness-Studios kann ich abgewinnen, dass es einigen zumindest mal den Einstieg ins Yoga erleichtert. Ein Risiko bleibt immer, dass man beim falschen Lehrer landet, aber selbst wenn die Yoga-Klasse nur eine getarnte ‚Bauch-Beine-Po-Klasse‘ ist, ist das besser als auf der Couch zu hocken. Und mit der Zeit trennt sich die Spreu vom Weizen. Bei mir war es ähnlich. Erstmal habe ich mitgeturnt, bis ich dachte… ‚hm… das kann doch so alles nicht richtig sein‘. Also habe ich mich schlau gemacht und auf meinen Körper gehört.

    Letztendlich bleibt uns als erfahrene Lehrer wohl nur die Augen offen zu halten und aufzuklären. Über Blogs, Social Media und in persönlichen Gesprächen. Man wird nie alle abholen können, aber den einen oder anderen schon. Vor ein paar Tagen war genau so eine Kandidatin bei mir in der Klasse. Sie hat bisher Yoga im Fitness Studio gemacht und wollte jetzt mal wissen, wie es ‚richtig‘ geht. Ich glaube ich habe sie überzeugen können. Und diese Schüler sprechen dann hoffentlich auch mit Ihren Freunden über die Erfahrung. Lasst uns nicht den Mut verlieren.

    Vielen Dank für den Beitrag
    und schöne Grüße aus Hamburg,
    Clemens

    • Alke von Kruszynski

      Lieber Clemens, Du hast vollkommen Recht, deshalb hatte ich das bewusst als Iption geschildert inklusive Gegenbeispiel. Und ja, auch ich habe schon einige halbgar geschulte Yogalehrer in Studios erlebt. Nichts in dieser vielfältigen Welt lässt sich über eine Kamm scheren. Aber genau hinsehen und spüren: Das kann und sollte jeder. Liebe Grüße!!


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