Scharlatane_krank_Ginger

Selbstdiagnose? Nö, lasst mal stecken!

Heutzutage ist ja jeder irgendwie Fachfrau oder Fachmann. Und das offenbar für alles oder so ziemlich alles. Zur Qualifikation reicht meist schon, dass man eine Meinung hat. Oder ein (gefährliches) Halbwissen. Perfekt, wenn man seine Sicht der Dinge dann auch noch im Brustton der Überzeugung in die Welt quakt.

Gerade in „unseren“ Kreisen – dem (bloggenden) Lifestyle-Kosmos rund um Yoga, Ernährung, achtsames Leben – hat es sich offenbar etabliert, den Expertenrat durch schlecht fundierte Schwarzweiß-Malerei zu ersetzen. Immer im Gepäck: eine angemessen erscheinende Portion Esoterik. Also: Glauben. Die ja stets im Gegensatz steht zu: Wissen …

Ich schildere mal zwei Beispiele von vielen, die mir vergangene Woche ultraschwer auf den Keks gegangen sind. Und auch sonst eher zuwider sind, vor allem, weil sie immer öfter passieren.

Ich war auf einem Yogaretreat (dessen Yoga-Part ich um nichts in der Welt missen oder ankreiden wollen würde!), um mich herum 6 Frauen und ein Mann aus 3 Ländern. Sie alle verband: Erstens wurde thematisch ermüdend viel um vermeintlich gesunde Ernährung und garantierte Wege zur (Seelen)Gesundheit gekreiselt, und zweitens strotzen diese Gespräche nur so vor Behauptungen und Mutmaßungen, die aber im Gewand vermeintlichen Wissens daherkamen und entsprechend vorgetragen wurden.

Eine der Teilnehmerinnen entwickelte an unserem großartigen Pausen-Pool schnell ein Hautproblem, das sie auf den Gebrauch eines sehr konventionellen Sonnenschutzprodukts zurückführte. Die Reaktionen der Yoginis waren vorhersehbar. Sie reichten von: Da lösen sich gerade innere Konflikte, schau mal, betroffen ist vor allem der Hals, da fühl doch mal in dein Halschakra hinein, du, vielleicht musst du dringend etwas loswerden … Bis zu: Du musst unbedingt die Creme XY probieren, die ist reine Naturkosmetik, damit kann dir so etwas nicht passieren.

In den Chakren-Glaubens-Sumpf werde ich jetzt keinesfalls hineinrobben, auch wenn ich dazu meine „Meinung“ habe. So gehe ich davon aus, dass wir alle nur einen verschwindenden Bruchteil dessen wirklich verstehen, was um uns herum passiert. Also halte ich manches für möglich, was nicht immer bewiesen ist oder werden kann. Schließlich mache ich selber ab und an Reiki 😉

Wozu ich allerdings mehr als nur eine Meinung habe, ist der Kosmetik-Part. Da ich mich beruflich seit sehr vielen Jahren mit dem Thema beschäftige und sehr, sehr viele Dermatologen gesprochen habe, kann ich mit Fug und Recht behaupten: Dass Naturkosmetik Haut nicht irritieren kann, ist grober Unfug. Denn natürlich haben die Pflanzenwirkstoffe darin einen Effekt auf die Haut. Und nicht jede Haut verträgt jeden pflanzlichen Inhaltsstoff. Für sehr sensible Hautzustände gilt sogar häufig: Besser ist eine gut dokumentierte Verträglichkeit von klassischer Kosmetik (also inklusive gewisser künstlicher Bestandteile), als dass man hochpotente pflanzliche Wirkstoffe auf sie loslässt.

Das in einer Runde wie der beschriebenen laut auszusprechen, hat schon eine leicht ketzerische Note.

Ich verwies die Frau, die mich wiederholt fragte, welche Naturkosmetik sie denn aus meiner Sicht kaufen solle, dennoch ebenso wiederholt an den ärztlichen Rat, da bei einer bereits gereizten Haut Experimente mit Egal-welchem-Produkt eher keine besonders tolle Idee sind.

Ach, nein, Ärzte, also die hätten ja gar keine Ahnung … Hoppla?!

Ja, sicher, die Schulmedizin greift häufig zu standardisierten Diagnosen, denen eine ganzheitliche Sicht oft abgeht, das gefällt auch mir nicht. Und ja, die Schulmedizin arbeitet eng zusammen mit der Pharmaindustrie. Auch das gefällt mir nicht immer.

Aber! Gute Schulmediziner gibt es wie Sand am Meer, sie bilden sich kontinuierlich weiter, nachdem sie sich durch Studium, AIP-Jahre und Praxiserfahrung mit Wissen vollgesogen haben, an das keine noch so große Yoga-Truppe mitsamt seines versammelten Pseudowissens reicht. Und wenn sie standardisierte Behandlungen empfehlen und/oder vornehmen, dann deshalb, weil sie sich bewährt haben. Weil wir nur im Ausnahmefall sooooo wahnsinnig individuell erkrankt sind, dass die Ärzte zum ersten Mal mit diesen oder jenen Symptom konfrontiert sind. Warum also sollten sie an uns jedes Mal mit Diagnosen und Medikamenten experimentieren? Denn nein: DAS wollen wir natürlich auch nicht.

In Zeiten, in denen Schauspielerinnen Anti-Impf-Kampagnen anführen und auch deshalb hoch ansteckende, teilweise dramatische Krankheiten sich wieder erfolgreich ausbreiten – da wundert mich diese an Scharlatanerie grenzende Schwarzweiß-Malerei allerdings kaum noch.

Aber das zweite erwähnte Eso-Medizin-Beispiel ging mir dann immerhin noch derart zu weit, dass ich mich trotz eines katastrophalen Erschöpfungszustands aufgerafft hatte und der sich anbahnenden Diagnose-Schwurbelei entschieden den Riegel vorschob.

Ich hatte mich etwas unvorsichtig ernährt – und nicht auf diverse Nahrungsmittel-Warnungen bezüglich meiner Histaminintoleranz geachtet. Die Folge nach 4 Tagen Gruppen-Essen (zu Hause lässt sich so eine Spezialdiät eben leichter befolgen): Ich lag mit allen Erscheinungen einer heftigen Lebensmittelvergiftung entkräftet im Bett und erwachte nur ab und an, um mich in einen Eimer zu erbrechen.

Als ich mich tags darauf wieder aufraffen und kurz zur Gruppe schleppen konnte, überhörte ich, wie man über mich sprach. „Sie fühlt vielleicht den nahenden Vollmond“, „Da hat sich durch die Yogapraxis garantiert etwas gelöst …“ – ich konnte nicht an mich halten und erwiderte knapp: „Das ist die Folge einer Histaminintoleranz. Ihr könnt aufhören zu spekulieren. Ich habe einfach das Falsche gegessen.“

Nicht, dass es etwas genützt hätte. Am letzten Tag durfte ich mir ein paar gut gemeinte Ratschläge in den Koffer packen lassen: Spür doch trotzdem einmal nach, ob da nicht etwas ist, das Dich blockiert …

Leute: Wer so denkt und spricht, macht jeden Menschen für seine Erkrankung verantwortlich. Heute ist sie geradezu epidemisch, diese Quacksalberei-Denke. Krebs? Da hat wohl jemand zu viel Stress/Leid unterdrückt/Sucht-euch-etwas-Passendes-als-Anklage-aus. Dicke sind sicher alles unkontrollierte Vielfresser und haben natürlich niemals eine Stoffwechselstörung. Und falls die gerade noch so als Möglichkeit durchgeht, vermutet die Scharlatan-Posse dahinter gleich den nächsten selbst zu verantwortende Grund.

Anfang Juni fragte in der „Süddeutschen“ die Medizinerin und Autorin Christina Bernd zu Recht, ob man das noch länger hinnehmen wolle. Schließlich setzt diese unerhörte Schuldzuweisung den Erkrankten unter zusätzlichen Stress. Was möchte man denn Kindern vorwerfen, die noch in der Grundschule an MS erkranken?

Leute, haltet euch mehr aus dem Leben der Anderen heraus und kümmert euch mehr um euer eigenes Glück. Spekuliert nicht zu jedem Schnupfen eine spirituelle Blockade hinzu. Manchmal sackt man sich eben etwas auf. So ist das nun mal. Man wird geboren, lebt, stirbt. Dazwischen ist man ab und zu krank. Wenn das passiert: Ein Arzt kennt sich aus. Und könnte helfen 😉

 


  1. Cornelia

    Hallo Alke, ich bin leidenschaftlich Yogapraktizierende und meine Erfahrung ist, dass sich viele das Etikett Yoga, Ernährung & Co. umhängen, um wichtig im Mittelpunkt um sich selbst zu kreiseln.
    Dogmatismus ist das rote Tuch, das vor mir hin- und herwedelt. Viele Grüße, Cornelia


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