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Ginger liest: „Ich trug ein grünes Kleid, der Rest war Schicksal“

Was bleibt am Ende des Lebens von der Liebe? Das wollte die Berliner Journalistin und Autorin Gina Bucher wissen und hat deshalb nachgefragt bei Menschen zwischen 60 und 95. Bei Frauen und Männern, die sie angesprochen hat auf der Straße, an der Bushaltestelle, im Supermarkt. Bei Menschen, die sich auf ihr Inserat gemeldet haben die sie zum Gespräch getroffen hat.

Mit erstaunlicher Offenheit blicken die „älteren Herrschaften“ zurück, erzählen mal leichtfüßig-heiter, manchmal ein bisschen melancholisch über ihre Erfahrungen mit dem intensivsten aller großen Gefühle. Eines, das wie kein zweites mit (häufig) unrealistischen Erwartungen überfrachtet wird.

Die unterschiedlichen Lebensbetrachtungen, die vielfältigen Sehnsüchte und Erwartungen lesen sich durchweg interessant. Sie lassen staunen, werfen einen Blick unter die Oberflächen fremder Leben, mit denen wir doch so manches gemeinsam haben, und bewegen den Leser mitunter tief in seiner eigenen Gefühlswelt.

Was bleibt übrig, wenn man zurückblickt. Bilanz zieht und sein Herz befragt, ob das Leben gut war und die Liebe erfüllt. Oder umgekehrt.

Und was ist Liebe überhaupt?

Haben wir Worte, um sie zu definieren? Gibt es, abgesehen von der unbestreitbaren Tatsache, dass Menschen unterschiedlich erleben und empfinden, einen gemeinsamen roten Faden? Ein Geheimnis gar, das glückliche Paare miteinander teilen? Und wie hält man die große Liebe lebendig und erfüllend, wenn man schon das Glück hatte, ihr zu begegnen?

 

Ich glaube, man verliebt sich jeweils in das perfekte Bild eines Menschen. Nach fünfzig Jahren Ehe kennt man aber auch die Macken. Liebe ist für mich, wenn man genau diese Ecken und Kanten, das Unperfekte des andern, als liebenswert entdeckt. Wir wissen mittlerweile um unsere schlimmsten Eigenschaften und lieben uns trotz allem. Nicht immer, versteht sich.

Sabine Ledoux, 75 Jahre

Was passiert, wenn es nicht gereicht hat, um gemeinsam weiterzugehen – das Loslassen, kann man das lernen? Wie geht es weiter, wenn die Bereitschaft, Probleme gemeinsam anzugehen nicht mehr vorhanden ist? Wenn die Vorstellungen von Nähe, Kommunikation und Sexualität nicht (mehr) übereinstimmen. Oder man den geliebten Partner/die Partnerin gehen lassen muss, weil er/sie verstorben ist.

Ist es möglich, nach dem Verlust eines Seelenpartners überhaupt noch einmal zu lieben? Gibt es vielleicht gar mehrere große Lieben?

„Verliebt habe ich mich vor vier Jahren, mit 85, ganz zufällig. Das ist ein schönes Gefühl. Ein sehr schönes.“

Claudius Reichsteiner, 89 Jahre, erzählt weiter, dass sich das Gefühl des Verliebtseins gar nicht mal anders anfühle als mit 20. Dass in jungen Jahren die körperliche Liebe zwar mehr im Vordergrund stünde als jetzt im Alter, diese aber durchaus noch mitspiele.

Der größte Unterschied zu früher sei aber, jetzt freier zu sein, nicht mehr gezwungen, an den Beruf und diverse Verpflichtungen zu denken. Allerdings wüchsen mit dem Alter auch die Ansprüche.

Für die Liebe, so viel ist sicher, gibt es niemals eine Garantie, auch nach 50 Jahren Ehe kann einem urplötzlich der Boden unter den Füssen verloren gehen, wenn die Ehefrau sich plötzlich voller Leidenschaft in ein neues Leben, eine neue Liebe stürzt – mit einer Frau.

Und auch, wenn eigentlich schon glaubte, mit emotionalen Ausnahmezuständen abgeschlossen zu haben, so kann dennoch dies gelten:

Flirten? Das ist nicht vorbei. Warum auch?

Cornelia Feller, 82 Jahre

Liebe ist alles. Da sind sich die Menschen einig, kaum jemand würde diesen Satz nicht unterschreiben. Dass die Liebe das Größte im Leben ist, glauben die Jungen. Und die Alten, die Gina Bucher für ihr schönes, emphatisches Buchprojekt befragt hat, bestätigen: Hat man sie erst einmal gefunden, dreht sich alles um die Liebe. Die, tröstlich und beruhigend, einem in jedem Alter begegnen kann. Und dass sie auch ohne Trauschein glücklich macht, hat sich ja glücklicherweise auch herum gesprochen.

Verheiratet war ich nie, denn ich sah keinen Sinn darin, mich fest zu binden.

Anna Messner, 65 Jahre

Inspiriert von Buchers Projekt, lässt sicher jeder, der dieses Buch liest, die eigenen Liebeserlebnisse Revue passieren. Meine Großmutter heiratete mit 72 Jahren zum zweiten Mal, im kanariengelben Kostüm („Weiß wäre ja doch ein bisschen albern in meinem Alter“) und mit knallroten Fingernägeln.

Zum Erstaunen der überrumpelten Verwandtschaft, die teilweise recht schmallippig reagierte und an ihre unter Endorphin-Gestein verschüttete Vernunft appellieren wollte, ließ Oma es bei der Hochzeit richtig krachen. Glücklicherweise ließ sie sich nicht von spießigen Großtanten und neidischen Cousinen reinquatschen. Nie habe ich sie glücklicher gesehen als an diesem Abend, und anschließend düste das frisch vermählte Paar für sechs Wochen nach Sansibar in die Flitterwochen.

Zu dem überaus lesenswerten Buch „Ich trug ein grünes Kleid, der Rest war Schicksal“ und zu meiner Großmutter passt eins meiner liebsten Zitate von Tao Porchon Lynch:

I don’t believe in age. I believe in energy.

Buchcover Ich trug ein grünes KleidGina Bucher, Ich trug ein grünes Kleid, der Rest war Schicksal: Geschichten von der Liebe, Geschichten von der Liebe, 256 Seiten, Hardcover, Piper Verlag, 20 €, ISBN 978-3-492-05762-2

 


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