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Ist Kuscheln der neue Sex?

Als 2014 eine App namens „Cuddlr“ auf dem Markt auftauchte, war die Verwirrung erst groß. Cuddlr funktionierte im Prinzip ähnlich wie diese Sex-Apps. Nur war Sex ausdrücklich verboten. Sogar Knutschen wurde knallhart abgestraft. Aber egal, mit wem ich über Cuddlr redete – irgendwie waren sich alle einig. „Mit einem fremden Menschen treffen, nur zum Kuscheln? Ohne Fummeln und ohne Sex? No way. Das ist doch viel zu intim.“

Ich vermute, Cuddlr kam aus diesem Grund nicht so richtig in die Gänge. Statt dessen war die App plötzlich weg vom Fenster. Mittlerweile ist sie als „Spoonr“ zurück (von Englisch spoon/Löffel „to spoon with someone“ – „mit jemandem schmusen“) und versucht es mit stark aufgelockerten Regeln. „It’s a way of finding people near you who are up for a cuddle, without any pressure or expectation.“ (Mit ihr soll man Menschen finden, die Schmusen wollen, ohne Druck oder Erwartungshaltung.)

Vielleicht scheiterte Cuddlr an der Angst vor Berührung. Es scheint inzwischen eine echte Herausforderung zu sein, ein Gegenüber ohne Angst vor Nähe, Berührung und Intimität zu finden. Denn wer meine Haut berührt, berührt unter Umständen mein Herz. Und wer mein Herz berührt, kann mir wehtun.

Diese Angreifbarkeit scheint für viele Menschen keine Option mehr zu sein. Also machen sie lieber zu. Dabei gehören Ups und Downs doch zum Leben dazu! Ganz egal, ob beruflich, gesundheitlich oder zwischenmenschlich. Wer aus Angst vor den zwischenmenschlichen Rückschlägen gänzlich zumacht, wird vom Leben auch keine richtigen Höhenflüge mehr serviert bekommen.

Wir kennen diese Horrorstories über Säuglinge, denen in Experimenten körperliche Nähe entzogen wurde und die daraufhin gestorben sind. Wer da tiefer einsteigen möchte, googelt einfach mal „Hospitalismus“.  Aber im Prinzip muss man nur im Hier und Jetzt das direkte Umfeld anschauen. Das neuste Tabuthema sind Beziehungen, in denen Paare keine Zärtlichkeit mehr austauschen und statt dessen Haustiere als Bindeglied halten: Die schnurrende Katze auf dem Bauch und der Hund im Bett ersetzen fehlende Nähe und Intimität in der Partnerschaft. Als Phänomen allgegenwärtig.

Das ist nicht schlimm, aber ein Symptom. Der gezielte Kontakt zu Tieren hat ja seine Berechtigung und fördert sogar ein weniger ängstliches, positiver gestimmtes Leben. Ob bei autistischen Kindern oder Demenzkranken: Tiertherapie ist genauso im Kommen wie überaus populäre Cafés, in denen Menschen mit Katzen kuscheln können.

Wie unterschiedlich Menschen mit Berührung umgehen, zeigt sich auch täglich bei meiner Arbeit im Spa. Denn eine gute Behandlung zeichnet sich für gewöhnlich ja nicht durch Anfassen aus, sondern durch Berührung. Dennoch entwickelt man als Behandler ziemlich schnell ein Gespür dafür, wen man trotzdem lieber nur anfasst. Manche Menschen flippen geradezu aus, wenn man ihnen während einer Behandlung zu nahe kommt. Solche „Aufgelöster Gast“-Beschwerden kennt wahrscheinlich jeder Behandler aus den Anfängen seiner beruflichen Laufbahn.

Dann wären da jene, die sich selbst gar nicht mehr fühlen und immer noch mehr Druck einfordern. Menschen, die meinen Ellenbogen im Rücken haben, auf dem schon mein gesamtes Körpergewicht lastet. Nicht selten hat sich bereits die massive Behandlungsliege unter diesem Druck bewegt, unmittelbar gefolgt von einem „Sie können ruhig kräftiger massieren“. Diese Klienten buchen bevorzugt Tiefengewebemassagen. Bei einer Lomi-Behandlung würden sie dagegen eher heulen oder ausflippen. Und weil Heulen wieder zu intim ist, flippen sie lieber aus.

Die Hawaiianische Massage oder „Lomi Lomi Nui“ geht von allen klassischen Spa Treatments am stärksten unter die Haut. Vorausgesetzt, es handelt sich um eine gute Lomi, von der es heißt, sie berühre das Herz. So eine Anwendung geht auf emotionaler Ebene häufiger nach hinten los als der klassische Tiefengewebs-Kampf. Ich habe diesen Monat bisher ausschließlich „Deep Tissue“-Massagen gegeben. Zufall? Oder eine traurige Bestandsaufnahme unserer Zeit?

In den USA kann man mittlerweile sogar Kuscheln als Treatment buchen. Davon sind wir – meiner persönlichen Einschätzung nach – in deutschen Spas noch Lichtjahre entfernt.

Um der emotionalen Isolation zu entkommen, müssen wir mit höchster Wahrscheinlichkeit bei uns selbst beginnen. Müssen wieder mutiger werden, um uns einem Gegenüber zu öffnen. Aber wer das schafft, wird mit so viel mehr belohnt als mit unverbindlichem Online-Sex.

Sich seiner Ängste bewusst zu werden, macht garantiert Sinn. Dabei sind Yoga und Meditation zwei gute Weggefährten. Allerdings beobachte ich auch in der Yogaszene eine Menge verwirrter Menschen. Ich war kürzlich backstage auf einer Veranstaltung, bei der mehrere Rockbands spielten. Die Leute dort empfand als sehr viel friedfertiger, ehrlicher und feiner mit sich und mit der Welt, als manche Menschen auf einem Yogaevent. Und das, obwohl Bier fließt statt Smoothies und Raw-Säften, und auf dem Kopf stehen kann höchstwahrscheinlich auch keiner von ihnen.

Mein persönlicher Tipp an jene, die sich von meinen Beobachtungen vielleicht angesprochen fühlen: Verbringt mehr Zeit mit euch selbst. Lenken euch ständige Außenreize ab? Dann nehmt diese bewusst wahr und bringt dann den Mut auf, sie gelegentlich auszuschalten. Fühlt, auch wenn es unangenehm wird. Heulen ist vollkommen in Ordnung; und so durch und durch menschlich. Nur wer sich seiner Gefühle und Ängste bewusst ist, kann den Mut aufzubringen, sich anderen gegenüber zu öffnen und berühren zu lassen.

Klingt anstrengend? Ist es auch. Aber hey: Seid mutig! Es lohnt sich.

Infos zum Buch im Foto: „The Cuddle Sutra: An Unabashed Celebration of the Ultimate Intimacy“ (Amazon-Link)


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